An manchen Tagen

...und denen danach

...steht die Zeit still.
Und dann braucht man Hilfe.

...und gibt ein paar Menschen, bei denen dir unweigerlich das Herz aufgeht, wenn du mit ihnen zu tun hast und wenn irgendwer helfen kann, dann sie.

Das, was sie zu sagen hat, muss gehört werden, weil es so vielen Menschen zumindest für einen Moment das Herz leichter werden lassen wird und ihr Leben einen kleinen Schritt weiter gehen lässt.

Julia kennt sich aus. Das klingt großartig, ist aber eher traurig, denn sie kennt sich auch persönlich aus mit dem Thema Verluste in der Schwangerschaft. Ihr selbst ist es passiert und wie das manchmal so ist... die schlimmsten Momente im Leben ergeben oft im Nachhinein einen Sinn. Vielleicht wäre alles auch ohne diese Verluste genau so gekommen, aber so sehr man sich bemühen mag... ohne dieselbe Ohnmacht, denselben Schmerz, dieselbe Leere im Bauch wird man nur annähernd ermessen können, was in Müttern und Vätern vor sich gehen mag. Allein das Wort Sternenkind treibt mir die Tränen in die Augen, auch wenn es ein wirklich tröstliches Bild ist.

Egal, in welchem Stadium des Eltern-Werdens ein Paar ein solcher Verlust ereilt... es ist ein Meilenstein, der das Leben wie eine Kerbe auf immer begleiten wird. Wer klug genug ist, akzeptiert möglichst früh, dass jedes Kind, das auf die Welt will, Teil der Familie ist und bleiben wird. Wenn Oma stirbt, gehört sie ebenso weiterhin zur Familie, warum sollte das bei einem Kind nicht so sein, auch, wenn es vielleicht das Licht der Welt nie lebend erblickt hat. Wer das nicht akzeptieren kann, verhindert für sich selbst die Chance auf Heilung, denn wie will man für sich selbst Frieden finden, wenn der einzige Platz für dieses Wesen der Friedhof bleibt (und schlimmeres), anstatt im Herzen, genau dort, wo jedes andere Familienmitglied auch zu finden ist.

"Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon."
Die Dinge zu begreifen, scheint hier fast unmöglich... allein das Wissen, dass da ein Mensch geht, mit dem man unsagbar viel vor hatte, den man kennenlernen wollte, liebt, ggf. ohne ihn nur ein einziges Mal gesehen zu haben...

Es tun sich so viele Ebenen des Verarbeitens auf, weil selbst das, was als Laune der Natur abgetan sein könnte, mit Sicherheit viel mehr als nur das ist.
Da die richtigen Worte zu finden, zu erkennen, was zu tun ist, was den Schmerz verarbeiten hilft, was Klarheit bringt und vor allem über die erste Zeit hinweg, ist von so existentieller Bedeutung, dass die Arbeit von Julia nicht hoch genug zu schätzen ist. Ich habe keine Ahnung, wie hoch die Dunkelziffer sein mag... wieviele Menschen in meinem Umfeld Kinder verloren haben, Kinder, von denen sie wussten, manche, die in so frühen Stadien der Schwangerschaft gingen, dass man selbst es nur geahnt hat oder Kinder, die bereits das Licht der Welt erblickten, aber einfach nicht bleiben wollten. Irgendwie wird über alles gesprochen... den Herzinfarkt von Opa Karl, den Unfall vom Metzger, sogar die Demenz von Anna's Tante... aber tote Kinder...

Ich habe Fotos gesehen von unglaublich engagierten Fotografen, die ehrenamtlich zur Verfügung stehen, um auf Wunsch von Eltern deren tote Kinder zu fotografieren... damit wenigstens etwas bleibt, wenn die Leere kommt nach dem ersten Schock. Da gibt es Frauen, die Mütter durch Geburten begleiten, von denen klar ist, dass das Kind nie leben wird, die mühevoll Babynestchen nähen, in denen das Baby begraben werden kann und aus demselben Stoff Sternchen, die die Eltern behalten können.

Und es gibt die Julias dieser Welt, die sich der Wunden annehmen und versuchen, die Scherben wieder zusammenzufügen, damit es weitergehen kann... sich weiterzuleben lohnt, die Angst vergeht, Schuld relativiert wird, eine Familie wieder zusammenwächst, Väter hören, dass auch sie trauern dürfen und sich vielleicht doch noch der Wunsch nach einem Kind erfüllt.

Julia ist Ergotherapeutin in Auma. Das Thema, das sie umtreibt, ist ihr eigenes, auch, wenn Zeit ins Land gegangen ist seither. Es gibt Kinder in ihrem Leben und alles hat sich gefügt. Die Wunden haben ihre Zeit gebraucht und haben am Ende genau dahin geführt, wo sie Gutes bewirken können... nämlich mitten in der Ausbildung zur KairosTherapeutin zu einer Spezialisierung auf Verluste in der Schwangerschaft. Wer mag respekt- und verständnisvoller damit umgehen als jemand, der weiss, wovon er redet...

Und jeder, der Julia kennengelernt hat weiß, dass es mehr als das ist, weil mit ihr vieles möglich ist... trauern, solange es dauert, weinen, voller Angst sein... und oft führt die Suche zu viel tiefergehendem Wissen und irgendwann dahin, dass man akzeptieren kann, dass die Dinge sind wie sie sind. Es gibt nicht viele Anlaufstellen für Mütter (Väter... die sind ein Thema. Ein schwieriges, denn die trauern in der Regel anders und da Julia nunmal nur die Erfahrung aus Frauensicht kennt, hat sich auf Frauen spezialisiert... es ist an der Zeit, dass sich auch hier mehr tut.) und jeder Weg nach Auma lohnt sich.

(Er geistert mir die ganze Zeit im Kopf herum der Gedanke...Nena, ja, die mit der Musik, hat eine wunderbare Art mit dem Verlust ihres Kindes umzugehen... für sie ist er einfach ein Teil der Familie und wird immer mit genannt, wenn es darum geht, wieviele Kinder sie hat. Wenn man ihr zuhört, mag man glauben, dass es eine gute Idee ist, die Dinge so zu sehen.)

Ich wollte so vieles schreiben, Julia tausend Fragen stellen... aber irgendwie gibt es keine Worte, die die Sache ausreichend beschreiben. Wer Facebook-Nutzer ist, sollte dort nach Julia Berger suchen und mitlesen... vielleicht muss man Julia ja auch überreden zu bloggen...oder so... Es hat mich zutiefst beeindruckt, immer wieder von ihr zu lesen, ansonsten hätte es diesen Post hier nicht gegeben. Und ich hoffe inständigst, dass ihn genau die lesen, die gerade nur wenig Trost finden können. Also gebt ihn weiter... mit dem Kontakt zu Julia, an die ich für einen zweiten Beitrag in der nächsten Zeit übergebe... für ihre Sicht der Dinge. Sie muss schreiben, was mein leeres Hirn jetzt gerade nicht mehr kann... sie hat Literaturtipps, Tipps für Papas, natürlich ihren Kontakt und sicher noch das eine oder andere zu ergänzen.

Mich hat das zu schreiben sehr bewegt und ich bin sehr froh, dass es die Julias dieser Welt gibt und ich eine davon kenne.

Und... heute ist ein guter Tag. Einer von Julias Söhnen hat Geburtstag. Es geht um ihn.Und in Gedanken um die, die nicht mit dabei sind.


Angemerkt

Julia hat das Wort:

Liebe Elke es ist an der Zeit, das Thema aus der Ecke der Verschwiegenheit zu holen... ich danke dir für deinen Artikel und deine ergreifenden Worte. Wir brauchen diese Öffentlichkeit.... es hilft betroffenen Müttern schon zu wissen , sie sind nicht allein mit ihrem schweren Schicksal.
Ihnen einen Weg aufzuzeigen, damit das Leben wieder leichter wird....die Trauer sich wandeln darf....das ist mein Ziel. Der Weg der eigenen Trauer ist individuell auf der ganzen Linie... wie lang das dauert werde ich oft gefragt... es ist ähnlich wie mit unserem Leben... da wissen wir auch nicht wie lang es dauert... und wir geben unser Bestes und leben es täglich aufs Neue... mit allen Auf's und Ab's.

Meine Arbeit ist eine begleitende und wissende Arbeit.
Ich selbst habe 2 Söhne still geboren (2006/2010) und nach diesen Geburten händeringend nach Hilfe gesucht... Sie jedoch leider nicht gefunden.
Heute bin ich diejenige die diese Hilfe anbietet...
Ich habe in der Praxis eine Spezialsprechstunde etabliert. Hier biete ich betroffenen Müttern therapeutische Hilfen an... diese hier nun im Detail zu erläutern würde den Rahmen sprengen... nur soviel sei gesagt ich sehe meine Klienten immer ganzheitlich.

Trauer zeigt sich vielfältig und kann und auch diverse körperliche Beschwerdebilder hervorrufen.
Im Aufnahmegespräch besprechen wir sowohl körperliche als auch seelische Beschwerden und erarbeiten einen gemeinsamen Plan damit das Leben wieder heller wird...
Auch Müttern die noch nicht an dem Punkt sind sich aktiv Hilfe zu holen stehe ich gern mit Informationen zur Seite... machmal benötigt man einen Literaturempfehlung, Adressen für eine Selbsthilfegruppe oder eine Idee für ein passendes Trauerritual. Am Anfang steht immer Mut, Mut etwas zu sagen, Mut den Schmerz zuzulassen, Mut Hilfen zu suchen...

Ich wünsche allen betroffen Müttern ,Vätern, Familien den Mut und die Kraft
Ihren eigenen heilsamen Trauerweg zu gehen,
und das am Ende dieses Weges ein Lächeln auf ihren Gesichtern und Dankbarkeit und Akzeptanz in ihren Herzen zu finden ist.

Julia Berger


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