Das kosten Träume

Manchmal.

Kleines Gedankenexperiment... man stelle sich vor:

Man sei die Frau, die wie "Enie backt", immer ein bisschen retro, meist gutgelaunt und voller Ideen auf einem idyllischen Dorf leben darf.
Dazu Oma, Opa, nette Freunde, Schafe, Katzen, eine Handvoll Obstbäume, Großfamilie und nichts ausser Süßkram und wunderbarer Deko.

Was will man mehr? Scheinbar nichts, aber vielleicht ja doch: einen Blick mehr auf das, was dafür dann doch so alles nötig ist und was man parallel dafür geben muss, damit genau das alles so schön sein kann, wie es ist. Könnte es jeder, gäbe es an jeder Ecke einen Ort wie die Patisserie in Stelzendorf.

Aber da das richtige Leben ist nunmal nicht "Enie backt", selbst wenn es die Steingutschüsseln, die bunte Küchenmaschine, die Kleider der Chefin und dieser verführerische Duft in der Backstube nicht leicht machen, Leben und Fernsehküche auseinanderzuhalten. Dank Sixx.de (oder so-- darf man das schreiben, ohne dass es Werbung ist?) kann man Enie an und ausschalten, wann immer man mag, darf immer reinschauen, immer mal das Gefühl haben, mit ihr zu plaudern, ihr über die Schulter schauen zu dürfen. Aber irgendwie hat das Internet es geschafft, die Grenzen verschwimmen zu lassen und man erhofft sich im richtigen Leben auch diesen wunderbaren Alexa-Service-Effekt.

Damit es nicht zu kuschelig wird, füge man dem Gedankenexperiment eine (Zeit)Stunde Realität hinzu:

An 20 Tischen sind die Blumen verwelkt, die Frühlingsware müsste ausgepackt werden, die Speisekarten sind schon wieder alle in alle Ecken Deutschlands gewandert und müssen nachgeordert werden, die Tischdecken liegen im lockeren Knäuel als Bügelberg herum, 20 Schürzen der letzten Woche drehen noch ihre Runden in der Waschmaschine und bereiten sich vor, den Bügelberg zu vervollständigen, das Obst ist alle, bei der geplanten Lieferung Milch ist irgendwas schief gelaufen, das Schaf Emil wird Papa während Lucia so langsam in den Kindergarten gebracht werden müsste, 15 Tortenböden vorbereitet werden, 3 neue Rezepte erdacht, das nächste Frühstück mit arabischen Aufstrichen ausprobiert und der Eismann wartet auf einen Rückruf, wobei dasTelefon gerade schon wieder unablässig klingelt und Reservierungen bestätigt werden wollen...

Da nun das alles ziemlich sehr gewollt ist (so wie bei vielen, die noch heute einem Handwerk nachgehen... fragt man sich, weshalb es an Nachwuchs fehlt?), geht alles zunächst in Ordnung so und ist ganz einfach das, was es ist: Alltag, noch immer ziemlich rosa, denn es ist noch immer einer der schönsten Orte der Welt.

Man mag sehr, was man da tut und spätestens, wenn die erste Torte eingestrichen wird und Blumen, Pralinen und Schokolade auf ihr landen und man sich vorstellt, wie sehr sie dann später den Gästen schmecken wird oder man im Ofen den ersten Porridge des Tages riecht, ist alles gut, wie es ist.

Damit das alles so schön bleiben kann, sich der tägliche Frühstückstisch mal immer wieder ändert, die Tortenrezepte up tp date sind, manches in Ruhe gerichtet, überdacht und neu geordnet werden kann und einfach, weil uns das ja allen gut tut, gibts da auch mal ein Wochenende, das nicht Montag oder Dienstag heisst und in Wahrheit Vorbereitung auf den ersten offenen Tag der Woche, nämlich den Mittwoch ist. Also wirklich Samstag und Sonntag frei, sodass man mal am Freitag tanzen gehen kann, am Samstag bis spät nachts ins Kino und danach noch einen Wein trinken, am Sonntag in Ruhe einen Gugl für die eigene Familie bäckt und in der Ecke sitzen kann und still ein Buch liest. Einfach mal so.

Wir freuen uns immer ziemlich auf diese Wochenenden, denn sie sind rar.

Und genau an dieser Stelle wird es dann ganz und gar unkuschelig im rosa Enie-backt-Land

...wenn man genau an diesen wunderschönen Samstagen und Sonntagen das Mail-Postfach großräumig meidet, das Handy besser weglegt (wann hat man nur die Handynummer herausgegeben in der Annahme, WhatsApp sei eine private Angelegenheit?), froh ist, dass das Festnetz in der Backstube steht und sich zur Hintertür zum Joggen herausschleichen muss, weil vor dem Tor eine erstaunlich große Menge Menschen Öffnungszeiten, die heute leichter und vielfältiger denn je zugänglich sind, einfach ignoriert und nicht wirklich gut gelaunt ist....jetzt, am Wochenende. Nicht, dass man nicht vorgesorgt hätte... mehrfach auf der eigenen Website, in der Patisserie auf der grossen Tafel, die vielfach am Tag von Gästen fotografert wird, auf Facebook, einer extra dafür gedruckten Karte mit Schließterminen und auf Nachfrage natürlich VOR dem Wochenende auch persönlich bei uns.

Es bleibt an dieser Stelle statt einer Schilderung erboster Kommentare nicht einmal mehr die müde Frage, wann das passiert ist, dieses Ding mit der ständigen Verfügbarkeit, die weder umsetzbar noch irgendwie angemessen ist.
Es gibt nun seit heute auf der Website ein hässliches Fensterlein (damit es auffällt), das die Bitte enthält, den Öffnungszeiten doch einen Blick zu gönnen und uns vielleicht ab und an ein wenig Luft, damit wir wie gewohnt die meisten Tage des Jahres voller Freude mit leckeren Dingen für alle unsere Gäste da sein können?

Wir wünschen euch allen den Raum, den ihr zum Leben braucht...


3 Kommentare

  1. Schön geschrieben….so ist es.
    Ich habe auch ein kleines Cafè in Jena. Arbeite ganz allein.
    Die Sonntage habe ich nur für meine Familie reserviert….was sicher nicht bei jedem gut ankommt.
    Aber was soll’s….C‘ est la vie
    (Genauso heisst mein Cafè)

    LG Doreen

    1. Author

      Jeder mag Wochenende haben… es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, weshalb man es nicht umgekehrt sehen sollte… hurra, die haben am Samstag auch auf… statt zu fragen, warum der Sonntag nicht auch noch geht. Das mit dem Sonntag ist eine kluge Entscheidung😀

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