perfekt unperfekt...

Was soll ich sagen...da schleicht sich ein Beitrag dazwischen, der als Thema überhaupt nicht gedacht war:
Die perfekte Torte.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wieviele Tränen schon geflossen sind auf dem Weg zum perfekten Kuchen... Wir geißeln uns mit anspruchsvollen Rezepten ("für Geübte" klingt doch besser fürs Ego als "für Anfänger"?), besonderen Zutaten, den Themen der Saison oder dem, was Foodstylisten oder Profis da täglich auf Instagram posten.

Mal ehrlich... ich trau es mich ja kaum zu sagen, aber ich klicke regelmässig einen Haufen dieser überdimensionierten Rezepte weg... weil es mich anstrengt, sie zu lesen, mein Küchenschrank natürlich nicht unzählige spezielle Liköre (wer trinkt die, wenn es blöd schmeckt???) oder verschiedene Sorten Zucker hergibt und mein Ergebnis einfach nicht so aussehen wird wie auf dem Foodfoto (noch ein paar Gänseblümchen im Januar, tolle orientalische Gewürze, altes Besteck, Nippes, Stoffservietten...).
Das allein schon deshalb, weil ich mich seit Monaten nicht überwinden kann, diese sehr coole Guglform zu bestellen, von der mich im letzten Klick-und Kaufmoment der Gedanke abhält, dass die Kuchenstücke nach 2 Tagen hundertprozentig trocken sind, weil die Form oben so spitz zuläuft, dass der Kuchen an manchen Stellen schon gleich nach dem Backen der Knusperzone nahe ist... Aber sie sieht toll aus...

Also habe ich mich verabschiedet von perfekt und bedaure jeden, der meint, aus seinem Kuchen ein Supermodel machen zu wollen. Am besten tut ihr  das auch... freut euch auf Geschmack, auf das Rühren von Teig, die Ideen, die euch zwischendurch noch kommen, einen Hauch Experiment und Unwissenheit und seid dem Kuchen nicht sauer, wenn er nicht ganz perfekt aus der Form rutscht... Packt ihn nicht dick in irrsinnig süße Fondantschichten (die dann auf den Müll wandern), nur weil man euch das passende Werkzeug geschenkt hat, pfeift auf den Trend, wenn es euch mit dem hundersten gleichen Cheesecake gut geht und wenn ihr nicht kapiert, was da im Rezept von euch gewollt wird, macht, was ihr denkt.

Schaut Zutatenlisten an und probiert erst gar nicht, was euch gruselt oder wozu eure Sinne nicht laut Ja!! rufen...

Hört auf euren Bauch und euer Herz und backt so richtig voller Lust und Liebe...und alles wird gut.
So sind übrigens auch alle Rezepte hier auf dem Blog gemeint. In die meisten sind wir eine Runde schockverliebt, bis das nächste uns das Herz raubt.
Verliert nicht die Zeit, in der ihr das, was da frisch aus dem Ofen kommt, schon genießen könnt, mit Fotos für Instagram und Co, es sei denn, ihr wollt eure Lieblingsfreundin einladen. sofort alles stehen und liegenzulassen und zu euch zu kommen, um mitzuessen.

Perfekt ist's, wenn es  euch glücklich gemacht hat, zu backen und ihr es nicht erwarten könnt, das nächste Teilchen in den Ofen zu schieben oder den Kuchen, der gerade ja noch da war und jetzt irgendwie schon alle ist, schnell ein zweites Mal zu backen, weil er so unwiderstehlich war.

(Wisst ihr, was mein letztes absolutes Geschmackshighlight war? Milch, Sahne, Vanille, Ei und Zucker ganz langsam aufgekocht zu einer irrsinnig gut duftenden und noch besser schmeckenden Masse auf dem Weg zum Eis. Ich war schlau genug, oft genug zu probieren, bevor die Masse irgendwann im Tiefkühler landete.... in diesem warmen Stadium war sie unvergleichlich gut. Das Eis war dann so lala... Schiefgegangen war das Ganze trotzdem nicht, nur halt vermutlich nicht als DAS Eis des Jahrhunderts geeignet... wer weiss, was aus der Kombi noch anderes werden wird...)
Der Weg ist halt manchmal doch das Ziel.
Bleibt waagemutig:))

PS...
Mein gestriger Abend endete mit der Erkenntnis, dass die meisten Menschen schon so verkümmerte Geschmacksnerven haben, dass sie gar nicht mehr wissen, wie Dinge schmecken und Pulver aus dem LebensmittelChemiebaukasten für echte Zutaten halten...
Deshalb traut euch... probiert die Dinge, die ihr verbackt, riecht daran, schaut, wie sie sich in Kombi mit anderen Sachen machen... Verzichtet auf fertige Helferlein, wo es geht... macht mal den Pudding selbst, kocht ein wenig Zitronengras mit, wenn ihr ein Fruchtmus macht (der Geruch ist unvergesslich)... backt wo immer es geht so ursprünglich wie möglich. Zwar wird danach der Gang durch den Supermarkt vielleicht etwas weniger üppig ausfallen, weil ihr manche Dinge nicht mehr ertragen werdet, aber euer Leben wird reich, weil plötzlich aus weniger vieeel mehr wird und die Dinge, die ihr zu euch nehmt, Konturen annehmen, Charakter bekommen.

Auch gestern... gab es ein Interwiev mit einem Geigenbauer, der meint, die perfekte Kombi zwischen Instrument und Musiker wäre erreicht,  wenn das Instrument den Geiger spiele, also das eintritt, was Kreative den Flow nennen (dann läufts halt...)
So ähnlich ist es auch beim Backen. Wenn der Zauber an Zutaten und Gerüchen euch packt, ist alles perfekt.
Auch der Kuchen oder die Torte.

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