Ein Tag mit Greta

Der Tag, an dem du aufhörst, das Rennen mitzumachen, ist der Tag, an dem du gewinnst...

Egal, was ich an Medien genutzt habe gestern... neben dem Kindertag, der den Thüringern einen Feiertag beschert hat und für viele hoffentlich einen entspannten Tag draußen und in Familie, war die Umwelt Thema. Das klingt erstmal recht gut und scheint vernünftig... endlich bewegt sich etwas, werden Menschen sensibilisiert und retten unsere Kinder die Erde, die die Generation, die jetzt im mittleren Alter ist, dahingeärmelt hat...

Hm.

Ich hatte gestern ein zugegeben virtuelles (deshalb ohne Ergebnis?) Gespräch mit einem Freund. Mir war ein Interview mit Reinhold Messner begegnet, in dem er zum Thema Greta befragt wurde. Er hat etwas für mich absolut Stimmiges, aber auch Überraschendes gesagt, weil ich es irgendwie wohl nicht erwartet hätte. Seiner Ansicht nach ist das Thema von großer Bedeutung und wäre er sehr erfreut, würde Greta später ggf. Politikerin werden und dann wirklich an den richtigen  Stellen etwas bewegen können, vorerst sähe er aber das Problem an einer ganz anderen Stelle, die für ihn die Tatsache wäre, dass es die Menschen verlernt hätten, Verzicht zu üben. (Dass Greta nichts wirklich real und jetzt bewegen könne, weil sie weder in Politik noch Wirtschaftsverbänden sitze, habe ich übrigens so von fast allen gehört, mit denen ich gesprochen habe...)

Verzicht nicht im Sinne von zu wenig haben, sondern eher so gemeint, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was sein muss und worauf man gut verzichten könnte... ohne das Gefühl von zu wenig zu haben, eher mit dem positiven Gefühl von Zugewinn, Klarheit, Einfachheit, Ruhe und Platz für viele andere Dinge im Leben, die da nicht Konsum heißen.

Genau das könnte das Grundproblem unserer Zeit treffen. Genaugenommen kann niemand mehr Verzicht üben, ohne sich schlecht zu fühlen und hat keine Wirtschaft Interesse daran, dass das wirklich zum Lebensmotto vieler Menschen wird.

Da im Interview Bezug zu Greta Thunberg genommen worden war, war sie folglich auch Thema und mein Freund erwähnte, dass er gut fände, was Greta doch alles so bewegt hätte. Dreimaliges Nachfragen von mir, was ganz konkret bewegt wurde, was jetzt und sofort, denn darum geht es ja wohl, bewegt wurde, brachte für mich kein Licht ins Dunkel.

Und genau das scheint das Thema zu sein. Wir wissen, dass sich gerade zu wenig bewegt, machen die Politik verantwortlich und sind beruhigt. Immerhin werden wir ja gerade sensibilisiert.
Dass wir selbst jetzt und sofort am Ball  sein könnten, scheint die andere Seite der Medaille zu sein. Sie zu sehen, ein menschliches Thema.
So sehr es Greta am Herzen liegen mag, etwas zu bewegen, kann es nur schwer gelingen. Ich höre da.. wir müssen etwas tun... jetzt muss gehandelt werden... wir beraten über Möglichkeiten... Was ich nicht höre, sind wirklich tragbare Ansätze, die da nicht so wirklich weit entfernt sind von dem, was Herr Messner da sagte.

Wenn nur jeder, der da auf einer Demo mitläuft oder jede der Firmen, die gestern einen Streiktag eingelegt hat, ganz konkret an einer der Schrauben drehen würde, die in Richtung weniger ginge, wäre allen mehr geholfen. Wir aber beruhigen uns mit Willensäußerungen, prüfen nicht, was wirklich passiert und fangen ganz und gar nur selten wirklich selbst mit an.

Dabei ist es recht einfach, nur im kleinen einen Schritt zu tun.

Wenn ich etwas kaufe, das nicht wirklich geschützt werden muss, nehme ich es ohne Hülle mit, denn die wandert Zuhause eh gleich in den Müll (wer trennt wirklich immer und was passiert mit dem Getrennten?). Kartons, die durch die zahlreiche Onlineshops überall massenhaft vorhanden sein dürften, kann man wiederverwenden, anstatt neue, toll designte Teile bei der Deutschen Post zu erstehen, auch wenn die in der kommenden Weihnachtsphase wieder so wunderbar trendgemäss bedruckt sind. Würde ich mich mit einem Liefertermin/Woche von meinem Lieblings-Klamotten-Laden zufrieden geben, weil dann schon allein der Lieferdienst nicht 6mal dieWoche in mein Dorf muss?
Ein Zwei-Personen-Haushalt braucht vielleicht doch keine Spülmaschine, weil so viel gar nicht anfällt... denn wer kennt das nicht... noch nicht voll das Ding, aber es müffelt vor sich hin... was tut man? Man wirft es an, bevor es voll ist. Wenn ich per Hand spüle, überlege ich darüber hinaus gut, ob ich bei 4 Tassen Kaffee am Tag jedes Mal eine neue Tasse nehme oder ob es vielleicht die erste am Tag auch weiterhin tut, wenn nur ich daraus trinke...

Es sind wirklich kleine Dinge, die nicht wirklich weh tun und automatisch mein Verhalten prinzipiell ändern und damit helfen. Aber genau das sehe ich um mich herum wirklich viel zu selten. Ich würde gern glauben, dass mindestens 80% der Umweltdemonstranten ein kaputtes Küchengerät durch eins ersetzen, das aus zweiter Hand kommt, weil da jemand um- oder zusammenzieht und irgendwas übrig ist, was durchaus noch heile und schön anzusehen ist.

Auch würde ich gern glauben, dass nicht jede Generation Handy mitgenommen wird, nicht jeder plötzlich SUV fährt, obwohl er in der Stadt wohnt (es können doch nicht alle alt sein und das Problem des Einsteigens so klären wollen...) oder unsere Welt mit 5G-Masten zugepflastert wird, nur weil wir das neueste Game noch ein wenig schneller geladen haben wollen. Die leisen Proteste waren sehr schnell dahin. Wir werden zu Veganern weil wir gesünder leben wollen ( ach nein, es waren ja die Tiere, weswegen wir das tun) und gleichzeitig setzen wir uns nachgewiesenen gesundheitlichen Risiken aus, die mehr als nur unverantwortlich sind. Mitten im schönsten Sonntagsfilm darf da ein Telekommunikationsanbieter für seinen wunderbaren Tarife in 5G werben und uns kommt nicht einmal mehr der leise Gedanke, dass das dumm sein könnte.

Und mitten im Greta-Taumel findet sogar die Wirtschaft noch Gutes dran, dass wir jetzt alle so schön (Umwelt)sensibel sind und macht uns darauf aufmerksam, dass wir 60% der gekauften Dinge... gemeint sind Klamotten... innerhalb eines Jahres austauschen. Austauschen muss bisher bedeutet haben, ich schickte meinen Kleiderschrank um und packe neues dazu, denn jetzt gibt es da eine viel bessere Idee... man schickt alles zum Anbieter des Vertrauens zurück ( der es dann vermutlich weitervermarktet in welcher Form auch immer), uns ein gutes Gewissen rüberreicht und die Absolution, doch jetzt nachlegen zu dürfen... natürlich hat man selbst gerade die neue Kollektion am Start, die man ja dann ein Jahr später wieder zurückschicken kann und darf. Wie umweltbewusst wir doch sind.

Ich könnte jetzt die Listen unendlich weiterführen, eigentlich sollten wir aber entsetzt sein über das, was das angeblich am höchsten entwickelte Lebewesen da tut. Es bleibt mir doch nur die Frage, ob wir zu oberflächlich, zu faul oder zu dumm sind um zu merken, wie sehr wir uns selbst belügen... Keine Tatsache wird hinterfragt, es genügt das gute Gefühl, doch irgendwas getan zu haben... aber genaugenommen ist es zuwenig, was man selbst dazu beiträgt, dass die Welt eine bessere wird.

Und da hat Greta einfach auf's falschenPferd gesetzt, denn all die Demos scheinen zwar unser Grundgefühl zu verändern und uns zu suggerieren, wir wären sensibilisiert und endlich würde mal der Blick auf die Probleme gerichtet... aber ganz real passiert einfach nur dort etwas, wo es das eh schon lange tut: wo Leute freitags ganz normal ihr Ding machen und ihre Klamotten einfach mal 3 Jahre an haben, ohne sich komisch damit zu fühlen, ohne großes Trara einfach keine Erdbeeren aus Uruguay an Weihnachten kaufen, weil die nächste Saison ja schon 5 Monate später auch hier beginnt, es die krumpeligem Kartoffeln vom Feld sein können, die der Bauer von nebenan für einen Bruchteil des Preises der glattgeleckten aus dem Supermarkt verkauft...

Der Tag, an dem du aufhörst, das Rennen mitzumachen, ist der Tag, an dem du gewinnst...

Eben die, denen wirklich etwas an einem Leben liegt, das andere Wertigkeiten hat, als an einem Rennen teilzunehmen, dass wir eh nie gewinnen, Dann könnte Greta zu Hause sitzen und vielleicht das genießen, was sie an schönem Leben hat und wir müssten uns nicht damit beschäftigen, uns mit Absichtserklärungen davon abzulenken, wie wenig wir doch im Alltag tun, obwohl, wir es könnten, ohne  vie zu verzichten.

Jeder von uns.
(Vielleicht klingt das alles wie Nörgelei... aber das zu feiern, was nicht wirklich zu Verbesserungen im Leben führt, weil es in den Ansätzen steckenbleibt und eben das nicht zusehen, macht uns wirklich nicht zu guten Menschen. Ein wenig mehr Nach- und Weiterdenken und Kritikfähigkeit in jeder Hinsicht, würde mehr bewegen, als es jede Demo kann, nach der im Leben der meisten wenig Änderung eintritt. Änderungen im Denken haben nur einen Wert, wenn sie Tun auslösen. Auch sowas gehört nunmal hierher.)

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