Jenseits der Hast

Zum Nachdenken verführt

Das mit dem Nachdenken kam erst am Ende des Fototermins, denn eigentlich wollte ich nur zeigen, wie wirklich aufwändig die Sache mit dem Mosten ist. Wir sind seit Jahren glücklich, wenn einer der Bigpacks von Matthias Beilschmidt bei uns einzieht (natürlich unabhängig davon, dass man mehr als anregende Gespräche mitgeliefert bekommt:)) Manchmal sind es abenteuerliche Mischungen, immer aber lecker und vor allem wirklich gesund.

Es passiert mir zunehmend, dass ich Lebensmittel einkaufe, von denen ich überzeugt bin, dass ich sie nie wieder kaufen kann. Ob das nun daran liegt, dass sich immer mehr wirklich handgemachte einschleichen und sich mein Geschmack verändert oder daran, dass Logistik, Preis und Haltbarkeit dem Handel immer mehr seltsame Dinge diktieren, die dann ungenießbare Lebensmittel zur Folge haben. Ich habe zum Beispiel beschlossen, selbst Toastbrot selber zu backen, weil selbst die hochpreisigen Versionen schmecken, als hätte man den Inhalt meines Papierkorbes zu Mehl vermahlen und gebacken. Nicht eine Ahnung von Geschmack und fürchterliche Konsistenz machen keine Lust auf mehr.

Einer, der das schon Jahre eher begriffen hat, nicht zuletzt, weil Landwirtschaft seinen Alltag viel mehr bestimmt, ist Matthias Beilschmidt mit seiner Familie. Rödersdorf ist im Spätsommer immer Anlaufpunkt für alle, die Lust auf wirklich guten Saft haben. Dort steht mittlerweile eine ziemlich imposante Saftpresse und ich habe Glück gehabt und konnte das Pressen von Aroniasaft miterleben.

Beim Sortieren der Fotos gab es diesmal eine klare Vorgabe... keine Lieblingsfotos, sondern jeder Arbeitsschritt muss erkennbar sein. Man ahnt es ja, dass Handwerk einfach viel mehr Arbeit macht, aber wie aufwändig es ist, wenn man am Ende mit 10 Bigpacks vom Hof fahren will, war mir dennoch nicht klar. 2 große Pappkisten Aronia-Früchte ergaben in dem Fall  ca.25l Saft.
Dafür werden sie zuerst zu einem Fruchtbrei zerdrückt. Dieser wandert dann über eine Leitung in Metallrahmen, die mit Tüchern ausgelegt sind und übereinandergestapelt unter die Presse kommen... jetzt fließt der Saft, aber noch nicht in die Bigpacks, sondern in einen Behälter, in dem er erhitzt wird und erst danach kann in die Beutel für die Bigpacks abgefüllt werden.

Was man nur sieht, wenn man daneben steht ist, dass jedes einzelne Tuch mit gepressten Früchten wieder auseinandergefaltet werden und geleert werden muss, sich gekümmert wird, dass die Fruchtreste abgeholt werden (sie werden von Jägern für Wild genutzt), die Tücher gereinigt, jeder Eimer und das ganze System. Einen ganzen Tag dauert das, sagt Matthias. Und schon wird aus einem Pressvorgang, der vielleicht 20 Minuten dauert, eine ganz andere Hausnummer. Dafür nimmt man aber pures Glück mit nach Hause. Jeder, der an diesem Tag seine Früchte brachte und als Saft mit nach Hause nahm, hatte ein Lächeln auf den Lippen und war erstaunt, was seine Ernte erbracht hatte.

Und ich bin mir sicher, das Glück hält an beim Trinken. Diesen Saft nimmt man ganz anders wahr, als den, den man in Glasflaschen oder Tetras nach Hause schleppt und vielleicht ist das ein Teil dessen, was die Magie ausmacht. Besten falls hat man alles wachsen sehen, dann geerntet und hält dann ein wirklich gutes Lebensmittel in den Händen, das immer ein wenig nach dem Sommer schmecken wird, in dem es entstanden ist.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem Zufriedenheit und Gelassenheit beginnen,  denn nichts anderes habe ich an diesem Vormittag erlebt.

Recht einfache Handgriffe haben das in mir ausgelöst, was bei jedem industriellen  Produkt die Werbung übernehmen muss. Es brauchte weder Zielgruppenanalyse (ob Opa oder Enkel...  jeder fand das spannend... und keiner hatte übrigens das Handy dabei) noch Google-Platzierungen und nicht einmal Blogger wie uns, denn das Ganze hat sich von allein so herumgesprochen, dass Matthias keine Influencer braucht, um seinen Saft zu verkaufen. Vielleicht ist das ein Punkt, an dem wir nachdenken müssen. Mittlerweile muss man SocialMedia Experte sein, um ein Produkt an den richtigen Platz zu bekommen, um wahrgenommen zu werden, dabei reicht genaugenommen ein gutes, ehrliches Produkt.

Wann ist uns das verloren gegangen?
Wann haben wir begonnen, viel eher Dinge zu kaufen, die Influencer mit tollen Fotos (Filter und BildbearbeitungsApps in modernen Smartfones, nicht mehr) anpreisen, ohne auch wirklich  Ahnung davon haben zu müssen?
Ich bin nach diesem Tag überzeugter denn je, dass  wir umdenken müssen, um glücklich sein zu können, Freude und ehrliche Zufriedenheit und Gelassenheit spüren zu können und zu merken, dass es reicht, aroniaverschmiert (der Fruchtsaft taugt leider nicht zum dauerhaften Färben... fast schade bei dem kräftigen Rotviolett) mit einer Pappkiste voller Saft und Honig nach Hause zu gehen... voller Vorfreude und innerer Ruhe, weil der Tag einfach gut war. Und es wird ein  anderer Genuss sein, diesen Saft zu trinken,  weil man irgendwie Teil des Ganzen war.

Vielleicht macht das SATT WERDEN aus.

Und um mich dann wirklich noch zum Nachdenken zu bringen, darf ich durch den Garten laufen... an einem kleinen Teich vorbei, dem Bienenhaus direkt unter Obstbäumen und lande mitten in Mittelerde... ursprünglicher aber ebenso faszinierend. Überall Hügel mit Angepflanztem oder etwas, das sich selbst  vermehrt, wundersame Pflanzen, von denen man nur gehört hat, was sie so alles können.
(Nicht alles davon darf laut gesagt werden, erzählen auch einige der Saftabholer, und so manche Salbe oder Tee dürfen nicht verkauft, nicht einmal verschenkt werden, obwohl sie helfen. Man braucht nicht viel Phantasie um zu wissen, was dahintersteckt.  Sind wir nicht eigentlich eine fortschrittliche Gesellschaft??))

Und hinter dem Bienenhaus (der Honig ist übrigens mindestens genauso lecker wie der Saft) dann noch mehr Bienenkästen... im Siebenstern aufgestellt.  Wer dazu  mehr wissen will, findet Infos unter Siebensternimkerei oder besucht Matthias in Rödersdorf.

Was auf der Heimfahrt bei mir wie ein Aha-Effekt aufploppte, war der Gedanke, an welcher Stelle unserer Zeit es eigentlich passiert ist, dass wir mit seltsamen Regeln unser Leben zäh gemacht haben. Ich habe auch einen eher unkonventionellen Garten und der Rasenmäher trifft eher selten unser Gras (dafür gibt es fünfblättrige Kleeblätter, wenn man richtig sucht), aber der in Rödersdorf ist um Längen ursprünglicher. Aber alle Pflanzen haben das, was sie brauchen, es wachsen Dinge, die bei mir niemals auch nur den Hauch einer Chance hätten und noch dazu ist es wie Meditation (ein bisschen wie im Labyrinth laufen... wir hatten darüber schon einmal geschrieben, über dieses Phänomen, zu sich  selbst zukommen), durch diesen Garten zu gehen.

Statt uns das zu gönnen, schicken wir Rasenroboter durch unsere Gärten, um keine nassen Füße zu bekommen, säen Kleintierrasen, damit keine Spur von unseren Tieren die Optik verschandelt und machen jedem Kraut das Garaus, das wir nicht im Pflanzenversand bestellt haben, ohne die Chance, auf ein Wunder zu treffen, die die Natur reichlich bereit hält.))

Kurz... ich frage mich, ob all die Dinge, die man so MUSS nicht einfach doch oft auch nur Unsinn sind und ich mich nicht lieber öfter fragen sollte:
warum muss das jetzt sein?

In dem Sinne... lieben Dank, Matthias, dass du mich dabei haben wolltest.
Und für euch alle Rödersdorf und die Beilschmidts als dringende Empfehlung für Erkenntnisse der einen oder anderen Art.
Kontakt:
Lohnmosterei Matthias Beilschmidt, Rödersdorf Nr.12, 0176 - 978 16  862

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