...in Digtaler Nähe

Wenn die letzten Monate eines in sich hatten, dann viel Stoff für das Thema Nähe...

Wir haben geschützt, ausgegrenzt, bewahrt, vermisst... und am Ende vermutlich größtenteils ohne einander gelebt.
Vielleicht hat die digitale Welt gewonnen und es haben mehr Tablets denn je die Onlineshops verlassen, haben Onlineplattformen in Windeseile Dienste    entwickelt, die plötzlich Kontakt ermöglichen... oder Leerraum füllen mussten.

Dem Hurra und der Dankbarkeit darüber, dass wir in solchen Zeiten leben, in denen das wirklich sehr schnell möglich ist, steht die Frage entgegen, was machen wir jetzt damit. Gehen wir weiter diesen Weg und ersetzen persönliche Kontakte, werden Kontakte einfach nur mehr, weil einfacher umsetzbar (mehr in kürzerer Zeit an jedem Ort) in der mittlerweile schon wieder deutlich hektischeren Zeit oder versinkt das alles in digitalem Vergessen?

Wie haltbar ist Digitales (so ein MHD wäre schon interessant) und wie sättigend? Ich habe das Gefühl, es ist vorrangig praktisch... unverbindlich, weil schnell mal gemacht... und vor allem anstrengend. Da mal noch ein Bild oder ein kurzes Video, dort ein Link geteilt... und das alles will verwaltet sein...nicht nur von Festplatten oder Speicherkarten. Ich wollte an der Stelle schauen, wieviel gespeicherte Objekte, also Beiträge, Fotos, die mich inspiriert haben oder Videos und Dokus da (ungesehen bisher natürlich) in meinem Facebook-Account rumdümpeln, wieviele Objekte meine Sammlung auf Instagram mittlerweile beherbergt... nett verpackt in das Label "TUN"... (von mir selbst so benannt natürlich...) UND... wieviele Menschen von mir täglich eine Mail bekommen, ich würde mich "abends melden", weil ich wirklich keine Hirnzelle frei habe für das berühmte Multitasking.

All das habe ich mit VERWALTEN gemeint...natürlich sind meine netten Speicherorte im Kopf (und immer irgendwie unterbewusst präsent und mich innerlich auf Trab haltend), vermutlich mit einem Button... ich müsste mal... versehen.
Und zugenommen hatdas Ganze in einer Zeit, in der das Leben auf digital heruntergeschraubt wurde, gleichzeitig die realen Dinge aber unglaublich ruhig wurden... ich stundenlang mit den Hunden in komplett leerer Landschaft unterwegs war, der Himmel strahlend blau und ohne jede Bewegung war und es sich wie ein Luftangriff angefühlt hat, wenn nachts nur ein Hubschrauber (hm... was machen die da...nachts?...) über uns flog. Friedlich ist eigentlich das richtige Wort für das, was da ganz real draussen passierte, eine Atmosphäre, in der sich so viel real erholte und irgendwie auch sonst hätte dauerhaft erholen können. Aber da blieb ja noch das andere, das irgendwie umso lauter schreit und beansprucht, aber wenig füllt.

Ich stopfe mich mit Infos zu, versuche zu verstehen, einzuordnen, das alles irgendwie zu nutzen, aber irgendwie bleiben mehr Fragen als Antworten, fehlt wirkliches Erleben und mittlerweile sogar noch die Ruhe, die eine zeitlang schön ausgleichend da war. Ich habe das Gefühl, dass das die digitale Freiheit wie ein Overflow war, der uns noch dazu aus unseren halbwegs sicher gesteckten Grenzen gerissen hat, alles irgendwie in Frage stellt und uns jetzt mit unbeantworteten Fragen, aber auch immer noch  fehlender Nähe zurücklässt.

Ich sehe mehr Fragen als Antworten, meine Freunde sind getresster als jemals zuvor, die Stimmungslagen wechseln und man fühlt sich müde wie an Weihnachten, wo man es wenigstens auf ein anstrengendes Jahr schieben kann. Was digital abläuft, entzieht sich halt auch mit schöner Regelmässigkeit unserer Macht. Da merkt man, dass ein Chat auch mal schnell mehr anstrengt, als füllt, begreift schon lange nicht mehr, was sich ständig  widersprechende Nachrichten sollen und schon  gar nicht, wieso wir unser Gehirn so oft abgegeben zu haben scheinen... mag aber kein hunderstes am Ende sinnloses Statement abgeben oder den nächsten Beitrag lesen, der nur eine Frage mehr auf den Stapel packt...

Also alles gut soweit und ein Hoch auf die Möglichkeiten, die uns vermutlich besser über die Zeit gerettet haben, als es andersrum gewesen wäre.
Aber dass irgendwie das richtige Leben, eine Prioritätenliste an dieser Stelle gut täte, merken viele schon nicht mehr, seitdem wir "DANACH" haben (oder auch nicht, vielleicht ja vor... aber das wäre schon der nächste Honigtopf voller Fragen, Zweifel, Kopfschütteln).

Für mich ist digital wie ein Auto mit zu  viel PS. Wir sind begeistert, lieben es, brauchen es auch irgendwie... aber es kann deutlich mehr, als mein Leben braucht. Und es ist eine tagtägliche Anstrengung zu entscheiden, was davon nun wirklich eine Rolle spielen darf, muss, kann...

Richtig glücklich (und produktiv) war ich in den Momenten dazwischen... in denen ohne digital und in denen mit Luft (realer und welcher im Kopf).
Zeit zum nicht Denken, nicht Konsumieren in irgendeiner Form (also auch nix lesen). Da flogen Ideen, war der Druck des Tuns müssens weg und war die Welt so selbstverständlich wie die Dunkelheit am Abend. Und das Herz hüpfte auch nur dann, wenn es real wurde... etwas wirklich greifbar passierte.
Ein Tag mitten im (nicht wirklich geliebten) Unkraut mit schmerzenden Gliedern ist mir noch heute real bewusst, ich weiss, wie sich das angefühlt hat, fühle den Frust von irgendwann zwischendurch... aber auch die Erleichterung, dass es endlich mal gemacht war...
Was ich schon heute nicht mehr fühle, sind die Dinge von gestern, die durchgängig digtal (und wichtig) waren... aber unfühlbar irgendwie in einemOrdner verpackt oder per Mail versendet lagern... (und im Kopf die leise Frage... wie hebe ich das alles auf, damit ich das alles noch weiss, wenn ich es in x Monaten wieder brauche... passt dann der Aufbewahrungsort noch zu der verwendeten Technik, läuft alles noch, habe ich die Datei so benannt, dass sie findbar ist...) Und... da ist die Frage: was habe ich eigentlich geschafft??? Ich ertappe mich dabei, abends gesendete Mails abzufragen, Dateianhänge zu öffnen und mir meine eigenen Entwürfe anzuschauen... in der Hoffnung, satt zu werden davon. Aber es bleiben Daten...mit etwas Glück, hüpft jemand am anderen Ende der Leitung voller Freude.

(Währenddessen sucht im Garten irgendwer die Schaufel. Die versteckt sich immer prima, borgt sich auch gern mal aus... aber am Ende gibt es eine Anzahl x von Plätzen und auf der Suche nach etwas, das ich sogar noch fass-und vorstellbar für den Rest der Familie beschreiben kann, bin ich auch noch daussen... Juhu.)

Neben alldem gab es nur EIN Ding, was real vor mir lag am Abend und mir schon Tage zuvor Freude gemacht hatte... eine Box für Großeltern und ihre Enkel. Mir hüpft immer das Herz, wenn ich mir vorstelle, wie eine Oma ihre Erinnerungen herauskramt... alte Fotos, noch aus Papier (gerade noch so... bald werden auch Omas sie nicht mehr vorzuweisen haben), alte Rezepte, die vielleicht schon von ihrer Mutter stammen... oder alle sich auf eine Reise machen, deren Ausgang sie nicht planen können... Und...dass das alles Erinnerungen werden, die immer wieder herausgeholt werden können. Später einmal. Ganz real.. aus einer Kiste... bei einem Umzug oder sonstwann.

Vielleicht ist es ja das, was die letzten Monate geschafft haben... das WIE noch mehr infrage zu stellen. Die Art zu leben, sodass etwas bleibt, nicht nur ständig Tun ohne emotional auftanken zu können. Auch wenn sie uns unterlegen scheinen und wir uns gern als am höchsten entwickelt sehen, bleibt ein leichtes Fragezeichen, ob nicht einige Exemplare aus der Tiewelt das Leben deutlich besser verstanden haben als der Mensch. Aber wir können ja lernen, oder?

"Alle Lebewesen ausser dem Menschen wissen, dass der Hauptzweck des Lebens darin besteht, es zu genießen."

Samuel Butler

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