Low content

...Oder die Macht niedrigstschwelligster Mitteilungen

Heute morgen beim ersten Kaffee... früher hat man Zeitung gelesen, das ist mittlerweile leider so wenig erfreulich, dass man einen Tag so nicht beginnen sollte (sorry, ihr auch wirklich guten Journalisten, die aber nun mal nicht die Zeitung sind... das Magazin der Süddeutschen ist übrigens thematisch wirklich gut aufbereitet...sowas als Guten-Morgen-Thema wäre klasse).

Ein wenig Futter brauchen Kopf und Seele und schon findet man sich wieder auf SOCIAL MEDIA in einer losen Abfolge nichtssagender Ersatzmitteilungen, Statusupdates mit einem Foto der Pizza von gestern oder bunt markierter Fragen derart: "Würdest du deinen Hund mit zum Rosenmontagszug nehmen?" Natürlich würde man das nicht oder nur mit Ohrschutz oder wenn nicht zu viele Bonbons fliegen... wieder was dazugelernt und die Welt begriffen?

Das Verrückte an der Sache ist, dass es da schon einiges zu sagen gäbe und soziale Medien einen ganz guten Kanal abgeben könnten (wobei social media hier nur ein Beispiel ist und für Informationen auf allen Kanälen steht), wäre da nicht eine mittlerweile ziemlich verbreitete Spirale am Drehen:
Um "interessant zu sein", brauche ich Leser (neudeutsch FOLLOWER), was nichts mit den Inhalten ansich zu tun hat, eher vielleicht damit, ob das Thema gerade IN ist oder "im Designkontext" dargestellt... das heißt im Klartext: so aufbereitet, dass es wirkt wie das Betreten einer Parfümerie, in der dich sanftes Licht, wohliger Duft und leise Musik empfangen und du dich fühlst, als wäre die Welt da draußen nur für dich gemacht.

Gelingsicher dafür: niedrigstschwelliger Inhalt (die Hundefrage...), verpackt in eben diesen Designkontext, bei Papierkram und Möbeln z.B. oftmals der schöne weiße, cleane Stil mit einem Stühl von 500 Euro, einem Schaffell, niegelnagelneuen Laptop im Fokus, einer einzeln dekorierten Pflanze, moderner Lampe und natürlich aufgeräumtem Schreibtisch mit nur einem schönen Füller neben einem sehr schick gewählten Block (leichte Abwandlungen möglich).
So generieren sich Follower, die ebenso leben wollen, sehen wollen, was ein Mensch, der so schick lebt, so alles zu sagen hat. Also drücke ich auf abonnieren und los geht es mit Fotos vor dem Aufstehen, generiert über den Instagramm-Account (vielleicht darfs auch ein kleines Filmchen sein: Guten Morgen, Ihr Lieben... ich bin gereade aufgestanden und mein wundervoller Tag beginnt...). Aha. Es folgen lowcarb Müslis, Powerfood, ein wenig Yoga, ein Coaching für irgendwen (in was?), Netzwerktreffen von erfolgreichen Kontaktpersonen und, und, und... absolut niederigstschwelliger Inhalt, der mich Sekunden zum Wahrnehmen und Liken kostet,  vielleicht noch ein Emoticon drunter oder sogar ein kleiner verbaler Schlagabtausch zwischen Emoticonverteilern, deren Bedeutung jeder für sich selbst entschlüsseln kann und schon geht der Post viral...
(Warum war das eigentlich nicht die Grippe vom letzten Winter... ach, die gab es ja gar nicht so richtig. Es gab anderes zu berichten.)

Und da viral ein guter Ansatz ist, um Follower zu generieren, rauschen die Zahlen nach oben und verteilen LowCarbMessages immer weiter. Und so geht sie dahin, unsere Zeit mit dem Lesen sinnfreiem Inhalts, der einfach nur nichts tut, als uns zu beschäftigen.

Und wenn dann da mal wirklich was ist, was die elt bewegen sollte, tritt die Dummheit zutage, die leider immer mehr um sich greift und unter guten Posts eine Welle an Diskussionen verursachen, die soweit von Thema weg sind, wie man sich nur vorstellen kann und beweisen, dass wir völlig fremdgesteuert sind. Aus Unwissen, Ignoranz, Selbstdarstellung heraus? Ich habe deshalb gestern einen wirklich sehenswerten Bersicht über 5G nicht geteilt, weil nicht zu ertragen war, was sich unter dem Bericht abspielte.

Und ja, da gibt es auch noch das normale Leben. Das, das da eigentlich stattfindet und genau das ist, dass DU da hast, der das gerade liest. Aber das generiert natürlich keine Follower und wenig Follower heißt keine Aufmerksamkeit und Bedeutung... im Klartext: das, was du zu sagen hast, rutscht unter den Tisch, also hab besser wenig zu sagen, verpack es nett und schon bist du dabei (und musst dich nicht ganz so bedeutungslos fühlen... vermutlich ist es das, was da das Rad dreht).
(Facebook beispielsweise lässt das, was Seiten mit weniger als 2000 Gefällt mir Angaben zu sagen haben, unter den Tisch fallen... Die Beiträge erscheinen auf gut Glück, es ist, als würde man sich auf ein Feld mit Gegenwind stellen und versuchen, eine Nachricht weiterzugeben.)

Und wir wundern uns, dass Gespräche immer wieder nichtssagend enden, wirkliche Themen, das, was unsere Gedanken in der Nacht nicht zur Ruhe kommen lässt, ganz fein verpackt in uns drinnen bleibt, es nur noch verschwindend wenige echte gute Freundschaften gibt, dass sich Glück kaum noch in uns selbst finden lässt, wir stattdessen "in 30Tagen zum inneren Frieden"Challenges buchen, die kluge Coaches als Webinar anbieten (wieder kein spürbares Glück, weil mit keinem geredet, nix gesagt, nix in mir bewegt).
Ich habe Freunde auf Facebook, deren Leben aus Wein, dem GutenMorgenGruss des Hundes und neuen Schuhen zu bestehen scheint, mehr sagt kein einziger Post...und ich trau mich nicht zu fragen, ob da mehr ist, drücke aber auch nicht den Button, der das ganze Dilemma beendet...

Ich sollte mich jetzt vielleicht hinsetzen und a la "Täglich grüsst das Murmeltier" mein Leben mit meinen schon oft komischen Hunden dokumentieren, ihnen ab und an ein schönes Hundedeckchen überwerfen und das per Affiliate bewerben... Tiere gehen immer...
Und nein, es wird weiter eher Posts über die kleinen Dinge hier in Thüringen geben, Alltagskram, das richtige Leben halt. Unspektakulär aber mit deutlichem Hang zu kleinen Herzhüpfmomenten und hoffen, dass das Bedürfnis nach etwas mehr Content und vielleicht die eine oder andere Anregung etwas ändern  und die interessanten Dinge ihren Weg auf diese Seiten (und zu euch) finden.


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