...im Kopf

Unterwegs in Thüringen mit Menschen, denen das Thema Kopf von Haus aus vielleicht noch häufiger (oder nur klarer?) begegnet, als anderen: Kletterern. (Prinzipiell ist das vielleicht ja sogar das, was unser Leben positiv beeinflussen könnte, wenn wir ihm mehr Beachtung schenken würden.)

„Das Gehirn ist der wichtigste Muskel beim Klettern.“
Wir sind mit Kletterern unterwegs. Jeder von ihnen kennt dieses Zitat von einem der größten Kletterer, Wolfgang Güllich.
Kopf, Körper (natürlich ist eine gewisse körperliche Eignung förderlich, aber nicht notwendig, wenn man kein Spitzensportler werden möchte) und aus meiner Sicht die Leidenschaft für die Sache machen diesen Sport zu dem, was er sein kann.

Warum klettert man?
Klettern gehört zu den gerade aktuellsten Sportarten, was nicht nur damit zu tun hat, dass es erstmals zu den olympischen Sportarten gehört.
Klettern ist schlichtweg ein Opfer der Werbung und Trend, hat dabei aber so viele positive Elemente, dass man nur gewinnen kann, wenn man klettert. In jedem Alter übrigens.
Aus meiner Sicht könnte Klettern durchaus grundlegend in den Schulsport aufgenommen werden, denn dieser Sport schult so alles, was man als junger Mensch brauchen kann... Teamgeist, Verantwortungsgefühl, Körperbalance, Konzentration und mentale Stärke. Und... man ist eigentlich draussen.

Eigentlich, weil das schlicht zu selten der Fall ist, natürlich auch mangels Gelegenheit. Nicht jeder hat es so gut wie einige Bundesländer, die genug Berge haben, um zumindest den geeigneten Teil des Jahres (und der ist nicht der Hochsommer...) am Berg zu verbringen. Thüringen hat übrigens das Glück und hat einige Spots, an denen es sich mehr als nur gut klettern lässt, wenn auch nicht in große Höhen. Aber das ist auch nicht notwendig. Wir sind an diesem Wochenende übrigens in der Döbritzer Schweiz und glücklicherweise fast allein... vielleicht liegt es daran, dass es erst abends nach der großen Hitze losging (Wärme und schwitzende Finger ist keine gute Kombi, wenn es um Klettern geht) und für die meisten die Samstagspartys losgingen.

Warum sollte man klettern... ganz sicher nicht, um die olympische Kombi an Spielarten des Kletterns zu beherrschen... Speed, Bouldern und Sportklettern. Wer da die Nase vorn haben will, darf vermutlich nicht der weltbeste Sportkletterer oder Boulderer sein und wer im Speed gewinnt, könnte auch ein begabter Zehnkämpfer sein, weil die körperlich derat vielseitig sind, dass sie sich solche Bewegungen gut antrainieren könnten, denn es geht nicht um Taktik, sondern allein um Geschwindigkeit und abrufbare Kraft. Jede dieser Spielarten des Kletterns ist so eigen und anders, dass es fast so ist, als wäre ein Biologe gleichzeitig ein ernstzunehmender Chemiker und Forstwirtschaftler... Jeder kann von allem etwas, weil sich Grundlegendes überschneidet, aber alles gut zu können, ist schon vom Trainingsaufwand her fast nicht zu machen.

Aus Sicht passionierter Kletterer ist also diese olympische Version nicht die glücklichste... das sogar aus noch mehr Gründen als den eben genannten. Alles, was IN ist, und Klettern ist es eh, wird es vermutlich nach Olympia noch mehr, zieht ein inflationäres Wachsen einer Branche nach sich, was in diesem Fall zwar gut für die vielen Kletter- und Boulderhallen sein mag, die wirklich fiese Jahre hinter sich haben, aber nicht gut für den Klettersport.

Aber zurück zu den Thüringer Kletterern, die eigentlich aus Sachsen stammen und eher Weltenbummler als Thüringer sind, aber eben an diesem Samstag Glück pur fanden. Was ist dran am Klettern?
Fragt man die wirklichen Kletterer, dann sind das die Typen mit Schlabberhosen und Funktionsshirts, die aber auch gern von vorvorgestern sein können. Wichtig sind ihnen grundlegende Ausrüstung, Ruhe, eine coole Herausforderung (cool heisst weder hoch noch spektakulär... eher vielleicht anspruchsvoll und zäh) und Zeit. Da geht es nicht um Erfolge, abgearbeitete Routen oder Schwierigkeitsgrade, da geht es darum, bei sich selbst zu sein und genau in den Augenblicken, in denen es darauf ankommt, mental und körperlich genau da zu sein, wo man ist. Und um Lust, eine Aufgabe zu lösen, die man sich gerade selbst gestellt hat.

Und genau dort liegt der Schatz vergraben, den leider eher die kennen, die von Haus aus seit ihrer Kindheit klettern, als es um noch rein gar nix ging, ausser, mit den Eltern unterwegs zu sein oder die, die den Klettersport aus einer ganz anderen Motivation heraus gewählt haben als der, dass es eine coole Sportart ist. Klettern hält ungeahnt reiche und tiefe Momente bereit, wenn man selbst bereit ist, sich zu zeigen... wenn es nicht darum geht, oben anzukommen (natürlich ist das als Nebeneffekt toll.... aber nicht das alleinige Ziel), sondern Schritt für Schritt vorwärts... sich selbst zu treffen, mit sich selbst auszumachen, wohin der Weg geht.
(Wenn man sich selbst belügt beim Klettern eher nirgendwohin ab einer bestimmten Schwierigkeit.)
Klettern funktioniert im besten Fall (abgesehen vom Spitzensport) nahezu kraftlos und lässt einen beseelt zurück, weil man Bewegungen gemacht hat, die man nicht für möglich hielt und die Körper und Seele guttun.

Nicht umsonst taugt der Klettersport auch als therapeutische Maßnahme. Gute Klettertrainer sehen daran, wie man klettert, wie Probleme angegangen werden, man mit Situationen umgeht und wen sie vor sich haben.
In einer Kletterroute offenbart sich alles, was man ist. Und genau deshalb spielt der Kopf diese ganz entscheidende Rolle und kann einen körperlich guten Kletterer lange Zeit hinhalten und in der Weiterentwicklung stoppen. Wer mental nicht bei der Sache ist, wer klettert, um sich oder anderen etwas zu beweisen oder tief in sich drin nicht sicher ist, in dem, was er tut, wird ausgebremst. Dann heißt es zurück zu den Grundlagen und herausfinden, was da klemmt... sind es zu viele Gedanken im Kopf, die dich nicht zur Ruhe kommen lassen... Unsicherheiten, die dich daran zweifeln lassen, dass du etwas kannst... grundlegende Lebenseinstellungen wie beispielsweise die, Dinge so zu tun, dass der Weg nur VORWÄRTS geht... gute Kletterer gehen auch mal einen Schritt zurück, wenn sie sich verlaufen haben... wer das im Leben nicht kann, kann es auch an der Wand nicht.

Und so wird ein Sport zum Maß aller Dinge...  bei mir führt er nach einem recht zufriedenen Klettertag (vorrangig, weil es wirklich eine nette Truppe war) zurück auf die Slackline... eine Woche mindestens Slacklinetraining, weil es einen Punkt an der Wand gab, an dem mental einfach nichts mehr ging. Dann reichen weder Körper, Konzentration noch Wille aus, eine Kletteraufgabe zu bewältigen, weil man sich schlicht nicht aufraffen kann, einen Schritt zu tun, der an anderen Tagen vielleicht mühelos möglich wäre... (die gibt es auch... die guten und die schlechten Tage..:).
Da helfen dann nur noch Ruhe, innere Balance und Geduld.. solange, bis dich auch eine zappelnde Slackline nicht mehr abwirft und dann kannst du zurück an den Felsen. Alles beginnt eben wirklich im Kopf und selbst vetraute Dinge, die im Schlaf gingen, machen dann ab und an Pause, nur um dir zu zeigen, wo du stehst. (Vielleicht auch manchmal nur, um zu überprüfen, ob dein Kopf da Dinge kombiniert, die gar nicht sind, wie sie sind.)

Und was die Menschen betrifft, die man da ab und an trifft beim Klettern... es sind andere Dinge, die die verbinden, die sich da längere Zeit treffen. Da geht es selten um gut oder schlecht, um Wertung oder Urteil... eher um Achtung, Aufmerksamkeit und Interesse füreinander... ein Menschenschlag, mit dem man gern seine Zeit verbringt, weil es immer irgendetwas zu lernen gibt und keiner sich dem anderen überlegen fühlen will, weil das schlicht keinen Sinn macht und man weiß, dass man sich selbst auf einem Weg befindet, der nur dann gegangen werden kann, wenn man sich selbst den eigenen Themen stellt. Immer wieder neu, Schritt für Schritt.

Für euch zum Lust bekommen ein paar Bilder aus Thüringen von einer Truppe, die mir wirklich einen wunderbaren Tag verschafft hat.
Mehr zum Thema, speziell über einen Anbieter von Kletterkursen hier ganz nah, demnächst... wenn noch die ganzen anderen Gedanken hier Platz gefunden haben:)) Und danke euch, ihr Lieben, dass eure Fotos hier erscheinen dürfen.

 

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