NACHGEDACHT

...und ein bisschen back to the routs


Dieser Blogpost wird Teil der Blogparade der Thüringer Bloggergemeinschaft von @thueringenbloggt in Kooperation mit @thueringen_entdecken.de.
Es geht geht um Entdeckungen in Thüringen. Ich habe mich nicht sehr weit auf den Weg machen müssen, um jemanden zu entdecken, der es mehr als wert ist, auch von euch entdeckt zu werden und dabei ein Stück Vergangenheit gefunden:)


Ich habe einen Termin, der eigentlich keiner ist, denn hier auf dem Dorf ticken die Uhren anders. Man kommt, wenn man kommt, geht oft durch offene Türen und fühlt sich selten wie Besuch. So geht es auch mir, als ich das große Tor vor mir herschiebe und mich darauf freue, was Heike mir zeigen will.

Heike Stephan lebt mit Hund Richard im alten Pfarrhaus von Löhma (so ziemlich am Ende von Thüringen... oder am Anfang??) und macht Kunst. Es ist ihrem offenen Haus und ihrem Leben mit Klaus Renft (Renft Combo) zu verdanken, dass sie hier jeder kennt. Nicht sicher bin ich mir, ob alle wirklich wissen, was für Schätze in diesem alten Haus zu finden sind.
Schon im Garten begegnet einem überall Kunst... nicht verwunderlich, weil viele der Dinge für genau diesen gemacht sind. Im Gartenhaus liegen noch Skulpturen, die frisch aus der Gießerei in Wurzbach kommen und auf den Feinschliff warten. Einige davon stehen schon in aktuellen Ausstellungen oder warten auf die Abholung durch Käufer, die die feinsinnige Art zu gestalten, die alle Arbeiten von Heike gemein haben, lieben.

Es ist schwer zu sagen, was Heikes wirkliche Ambition ist... sicher würde sie mir die Druckgrafik nennen, vielleicht auch nicht. Ich habe sie vergessen, das zu fragen, aber eigentlich ist das auch egal. Ob Drucktechniken, die dreidimensionale Arbeit an ihren Skulpturen, das Schreiben oder ihre Handarbeiten... es ist immer Heikes besonderer Zugang zu Worten, die irgendwo mitschwingen.

Ich werde begrüßt von einem überschwänglichen großen Hund, der mich zwar erst nach ein paar Minuten toll findet, uns aber keine Minute allein lässt in der Werkstatt. Heike holt das heraus, was sie mir zeigen wollte, woran sie seit vielen Monaten (2 Winter) bereits arbeitet und was jetzt  irgendwann fertig sein wird... wenn sich herausstellt, ob die beiden Flächen, die noch mit einem gedanklichen Fragezeichen versehen sind, nun noch Gestaltung brauchen oder bleiben dürfen, wie sie sind.

Das, was sich vor mir ausbreitet, fühlt sich an, als hätte Heike ein Märchenbuch geöffnet und beginnt, ein Märchen aus 1000 und einer Nacht zu lesen. Heikes Handarbeiten sind um vieles farbintensiver als ihre großen Grafiken und die Fülle an Farben, aus denen die Decke besteht, die ausgebreitet vor mir liegt, fühlt sich an wie Kindheit. Die Decke steckt voller Farbe, Formen, Figuren und Geschichten und es fühlt sich seltsam an, Heikes Grafiken, die da vor einem an der Wand hängen, sauber gestickt auf der flauschig weichen Wolle wiederzufinden. Ich stehe vor einer Handarbeit, die ich zwar von mit der Maschine bestickten Stoffen kenne, die mich aber in dieser Kombination völlig fasziniert... ganz abgesehen vom Inhalt.

Muster, Linien, Ornamente, Figuren und Texte tummeln sich auf dem wild bunten Untergrund, inspiriert vom französischen Dichter Lautréamont und den "Gesängen des Maldoror", der früh starb und Vorbild für viele Surrealisten ist, sowie ihren eigenen Texten.
Worte sind das, was Heikes Werk von jeher prägt... die den Untergrund für viele Arbeiten bilden oder sinntragend im Zentrum der Gestaltung stehen. Schrift ist überall... eigentlich auch überall im Raum, in den Gesprächen, den Plänen, Gedanken. Alles trifft sich am Ende im Wort.
Und dabei beginnt es oft sehr schlicht, nämlich mit einer Sache, die entsteht, wenn der Tag um ist, der Kopf zu leer für große Taten.


So, wie die Decke sich auch erst zu dem entwickelt hat, was sie jetzt wird, wartet beispielsweise dieses gestrickte Quadrat auf das, was da kommt. Der erste Schritt ist gemacht... es gibt eine vage Ahnung davon, was irgendwann zusammenfinden soll... nämlich die Lithografie, die auf der Strickerei liegt.
Schon hier treffen sich wieder Handarbeit, bildende Kunst und Musik... anzunehmen ist, dass da die Literatur nicht fern ist. Und so schwingt im Raum immer irgendetwas von allem... steht Heike vor ihren Drucken, zeigt mir dazu Fotos von Skulpturen, die gerade in einer Ausstellung sind und sinnt darüber nach, ob es möglich ist, mit Computertechnik die Welt ihrer Bilder dreidimensional zu betreten... vielleicht umrahmt mit einer Lesung, also dem gesprochenen Wort.

Und Lautréamont, der wartet in seinen Texten auf der Decke darauf, dass sich ein Komponist findet, der in seiner eigenen Art das zu vertonen weiß, was schon in den Stickereien eine völlig neue Seite zeigt.

Ich bin hingerissen, wie viel Vision sich mir hier auftut, wie sich die Künste gegenseitig stützen und bereichern und das eine aus dem anderen entsteht. Einfach nur so. Und es erinnert mich daran, dass es mir manchmal fehlt, mich dieser Art zu empfinden und sich auszudrücken hinzugeben. Im Moment stehen die Farben im Keller... vermutlich nehmen sie es mir eh schon übel, dass ich sie seit Jahren keines Blickes würdige... und die Leinwände auf dem Boden. Und nein... es ist nicht die Zeit, die mich hindert, es sind einfach andere Dinge, die meine Kraft binden und es gibt Momemte, da macht es mich traurig, dass ich hier sitze und auf den Tasten herumklappere, anstatt mir die Zeit zu nehmen, selbst mal wieder etwas entstehen zu lassen... einfach so aus mir heraus, weil Bilder das sind, was sicherlich auch Fotos könnten, würden wir sie nicht zu Tausenden in Wolken lagern und schon beim Gedanken daran, ein bestimmtes suchen zu wollen, Stress verursachen. Bilder haben einen Platz, sie drängen sich nicht auf, sind still ganz einfach da und begleiten das Leben... und... bei jedem habe ich den Moment vor Augen, in dem sie entstanden. Ich weiß, wie es sich angefühlt hat, wie es war, die dritte Farbschicht in eine unkenntliche Pampe verdorben zu haben, aus der dann am nächsten Tag mit etwas Abstand doch noch genau das wurde, was eben diese Pampe gebraucht hatte... die Traurigkeit, Melancholie oder Freude sind einfach schwupps wieder da, wenn ich sie ansehe...

Vielleicht liegt es daran, dass zwar auch Fotografieren ein Prozess ist, allerdings ein viel kürzerer, der gar nicht so viele Emotionen binden kann, wie Kunst, die viel vielschichtiger in ihrer Entstehung war. Noch heute ist in mir das Gefühl, nachts in der Straßenbahn zu sitzen, zufrieden mit nach Verdünnung riechenden Händen, die genau nach einer Woche dann endlich nicht mehr rabenschwarz waren, wenn der nächste Termin in der Tiefdruckwerkstatt anstand. Zu sehen, wie im Prozeß das zum Bild und greifbar wird, was man in sich fühlt, ist so intensiv, dass es sich einprägt.

Genau das finde ich in Heikes Werkstatt wieder, ihre Drucke erinnern mich an damals und lassen so ein ganz klein wenig Wehmut aufkommen... aber es ist ja nicht aus der Welt... denn wenn man will und nicht gerade Projektarbeit angesagt ist, kann man Heike anfragen, um bei ihr zu arbeiten. Kann man einen kleinen Blick erhaschen in die Welt des Tiefdruckes.

Nachdem ich die Decke fast weggestreichelt habe mit den Fingern (es fühlt sich wirklich unfassbar an... diese feinen Stickereien auf der weichen Wolle), bringt mich Heike zu den Skulpturen im Gartenhäuschen, die auf die nächste Runde warten. Heike ist immer wieder Arbeitsgast in der Heinrichshütte in Wurzbach, die der normale Besucher zum Schaugießen betritt. Immer wieder arbeitet sie selbst oder mit Gruppen dort. Ich selbst war vor 3 Jahren einmal mit dabei (wir haben auch darüber geschrieben hier auf dem Blog) und es sind wunderbare Bilder entstanden, die einen entführen in die Welt unserer Großväter... in traditionellem Eisenguss entsteht dort Kunst, die jetzt im Gartenhäuschen darauf wartet, versäubert und aufgestellt zu werden, um dann hoffentlich genau den richtigen Platz in einem Garten finden zu können. Hier die Bilder von damals... sie zeigen auch Arbeiten von Heike.

Als ich mich mit all den Bildern im Kopf auf den Heimweg mache, frage ich mich, ob auch nur irgendwer hier eine Ahnung hat, wie produktiv es hinter den Mauern des alten Pfarrhauses zugeht, welche Fülle und Überraschungen es dort zu finden gibt. Es gibt unfassbar viel Interessantes zu finden, im wirklich kleinsten Winkel Thüringens. Und ich bin irgendwie stolz darauf, das heute alles so nah erlebt zu haben. Und vielleicht ist der Weg in den Keller und auf den Boden ja doch demnächst mal wieder drin... und wenn es einfach nur dafür ist, wieder einmal einen Ankerpunkt in meinen Erinnerungen zu setzen, einen, der jedes Bild ist, das Umzüge, Meinungswechsel oder auch manchmal Platzmangel (oder das Verleihen, wenn jemand ein Bild für eine Zeit bei sich haben mochte... eines hängt noch bei meinen Eltern... und eigentlich kann es gut ihnen gehören, weil die Erinnerung, die mit ihm in Verbindung steht, ja hier geblieben ist:) überstanden hat.

Heike Stephan

seit 1985 bildende Künstlerin, freischaffend - Mitglied des VBK Th., BBK

1989 Idee und Organisation der Mauergalerie (East Side Galerie) in Berlin, 3 Jahre Dozentin an der Universität der Künste in Berlin
Ausstellungen bis 2021:  Suhl, Weimar, Dresden, Berlin, Malta, New York, Washington, Basel, Karlsbad, Bonn, Leipzig, Erfurt,
Schleiz, Pößneck...
Kunstbücher im Besitz der Bayrischen Staatsbibliothek München, Berliner Landesbibliothek, Deutsches Literaturarchiv in Marbach,
Edition Galerie auf Zeit, Berlin, Schloß Burgk Schleiz, Anna Amalia Bibliothek in Weimar,
Aktuelle Ausstellungen:
bis 15. 8. 2021 in der Galerie im Malzhaus, 24. 9. - 6. 11. 2021 Galerie im Bürgerhaus in Zella Mehlis,
ab 14. Oktober 2021 in der Galerie in Bad Langensalza,
Symposien
zum Erlernen der Druckkunst finden jährlich statt.
Anmeldungen nach Absprache.

Kontakt
heike.e.m.stephan@gmail.com
Tel. 03663 420549

 

 

Zu schön für Kuchen
Das gibts tatsächlich… eigentlich wollten wir ja mal wieder etwas backen und euch neben der ganzen Backbuchschreiberei (da wird auch gebacken, aber das wandert ja direkt ins Buch?) eine schöne Idee liefern.

Aber so ist es, wenn man einen Plan hat… das Leben hat einen anderen. Zweimal lief es schief, einmal davon war es zu erwarten… Nachts beim Backen  um 24 Uhr noch über 20 Grad, tagsüber stehende Luft und knapp 30 im Schatten… das ist weder was für Hunde noch für Kuchen mit Creme. Hätte man wissen können.

Die Hundstage dauern an und weil das einfach zu schön ist, lassen wir den Hund den ganzen Tag unterm Tisch im Kühlen und machen aus dem Kuchen, der nichtmal im Tiefkühler wirklich fest wurde, eben etwas anderes…

Und eigentlich beginnt genau da wieder das, was für uns backen ist… es macht keinen Sinn, zu hadern oder den ganzen guten Kram auf den Kompost zu bringen… manchmal ist der Kuchen ja vielleicht auch nur noch nicht fertig und unser scheinbares Endprodukt nur ein Zwischenstadium?

Also Teig, Creme und Guss getrennt und erstmal leicht frustriert in den Kühlschrank gepackt… aber ein paar Momente später in der Hängematte hatten die Gedanken genug Zeit zu schaukeln und sich neu zu sortieren und es ist ein wirklich schönes Gebäck entstanden.

Da es aber ist, wie es ist… nämlich viel zu warm… gibt es hier nichtmal ein Foto davon, weil alles auch in neuer Version davonschmilzt und nicht schön aussieht…
Aus einer Keksschnitte mit Creme und Guss wurde ein Keks aus Keks… Verwunderlich viel Keks,  da ich Keks nicht sonderlich mag. Doreen sagt dazu…JEDER mag Kekse, Kekse nicht zu mögen sei wie Welpen nicht zu mögen… Damit hatte sie mich natürlich, aber zu ändern ist es nicht. Ich mag keine Kekse… eher Waffeln, aber Kekse…naja.

ABER ich mag Kekse aus Keks… das Zeugs ist vermutlich reichhaltig wie Sahnetorte ( beides pro Stück), aber wahnsinnig lecker… und… wer Keks nicht mag…außer mir… macht Cakepops draus… auch oberlecker.

Nun bleibt nur, euch zu versprechen, dass sobald die erste Lücke im Temperaturhoch ist, der Keks aus Keks hier gepostet wird. Von mir aus kann das zwar gern noch ein wenig dauern, denn dieser Sommer fühlt sich an wie Freibadsommer aus der Kindheit. Davon konnte man ja auch nicht genug haben.

Aber wie man wieder mal sieht… das mit den Plänen ist so ein Ding, die haben ihre eigenen Regeln. Also macht besser nicht so viele davon… Pläne und Träume sind übrigens was anderes… sondern lasst euch ab und an ein wenig überraschen. Genauso wird es übrigens auch mit dem Backbuch sein… wir backen so, dass immer auch etwas anderes entstehen kann oder nicht alles tierisch ernst genommen werden muss (naja… Mehl vergessen ist vielleicht doof, aber ich hatte kürzlich ganze Eier da drin, wo nur Eigelb rein sollte… Zucker und Eier wegwerfen kam nicht infrage…also blieben sie drin. Und das Ergebnis war wie es sein sollte… manchmal lohnt sich etwas Risiko.).

Ich habe in einem Interwiev gelesen, dass man, wenn man etwas tut, besser nicht im Voraus darüber nachsinnt, was in welchem Fall passieren würde… Man interpretiert die Dinge aus der Erfahrung heraus, Neues kann einem nicht in den Sinn kommen, weil man das ja als Möglichkeit gar nicht kennt… Also lebt man immer im Kreis das Leben Anderer oder die Erfahrungen, die andere für die einzig wahren halten… Neues kann halt nur auf Nebenwegen entstehen,,, also traut euch. manchmal gibts plötzlich Kekse, die ihr nun doch mögt oder noch viel Größeres, Überwältigenderes…

Wer diesen Beitrag heute noch liest… wir haben auf Facebook eine grossartige Doku verlinkt (weil’s eben auch mehr als nur in Thüringen schön ist) die heute Abend auf ARTE läuft. Wie anders Leben doch sein kann, wenn man sich traut.

Aber weil neben den Hundstagen auch noch Feierlaune bei Doreen ist, gibt es ab nächster Woche Stück für Stück einige von Doreens Lieblingstorten zum nachbacken… genau 10 Stück, denn Doreen feiert 10jähriges… dazu aber später mehr…

Habts weiter sommerlich  herrlich und seid gespannt aus das, was da noch kommt?

Urlaub 2020

Was noch vor einem Jahr ein Markt der Eitelkeiten war, entwickelt sich gerade zum Statement.

Ich habe einiges gelesen in den letzten Tagen, mir die Urlaubspläne von Freunden und natürlich uns selbst angesehen und erst jetzt gerade bemerkt, dass meine Eltern gar keinen Urlaub gebucht haben... war das so geplant?

Es gab eine interessante Kolumne heute in der Süddeutschen. Die Frage war, ob man überhaupt Tourist sein mag...
Und ich ertappe mich dabei, das nicht bejahen zu wollen... allerdings auch nicht verneinen. Vielleicht unterwegs  Seiender?
Aber sind wir das nicht eh, tagtäglich, irgendwie... von A nach B (der eine mehr, der andere weniger) und in uns selbst?
Und was davon genügt?

Es ist mittlerweile peinlich... mit dem Zusatz Corona (was auch immer Corona inhaltlich damit zu tun hat, denn die Beschränkungen sind nicht gemeint, sondern das Thema Umwelt), eine Flugreise zu planen. Hätte es vielleicht schon immer sein können, aber am Ende bleiben Fernweh und Neugier ein grundlegendes Bedürfnis. Fakt ist, dass wir beides nicht selten benutzen, um vor uns selbst zu verstecken, dass wir es eigentlich  mit uns selbst schwer aushalten. Da investieren wir teils wirklich Enormes, um den Ort, an dem unsere Wurzeln wachsen könnten (unser Zuhause), zu einem solchen zu machen. Und dann wachsen sie nicht.

Wie auch, wenn wir ständig auf der Flucht und zwanghaft unterwegs sind?
(Was? Ihr macht keinen Urlaub? Nein... wir haben frei von den täglichen Verpflichtungen. Schön so. Oder doch nicht?)
Und dann kommt Corona mit dem Einzigen, was dieser Virus wirklich mit dem Reisen zu tun hat und macht uns dasselbe einfach schwer. Aber wir sind ja anpassbar... buchen die erstmögliche Kreuzfahrt in den Norden (fühlt sich trotzdem an, als würde man eine Hafenrundfahrt mit Sternchen buchen, nur um sich wie ein Kreuzfahrender... DER WEG IST DAS ZIEL... zu fühlen, was natürlich der blanke Unsinn ist... wissen wir eigentlich), weil man nunmal "infiziert" ist und nicht anders kann, als sein ureigenstes Bedürfnis nach Ferne so zu stillen. Oft sogar mehrmals im Jahr.

Infiziert vom Reisen?
Ganz bestimmt nicht. Eher vom kleinen Hauch (Massen)Luxus und der Möglichkeit, es getan zu haben. Der Mehrwert erschliesst sich mir nicht, schon gar nicht das Erlebnis oder der Weg, der irgendwas gebracht haben könnte. Aber wir tun es. Schon wieder...auch jetzt, kein halbes Jahr danach, kaum, dass Beschränkungen wegfallen und man endlich wieder weg kann (wovon?).

Und es offenbart für mich das Dilemma Tourismus, das viele (seltsame) Gesichter hat...
Städte, in die sich in der Urlaubszeit kein Einheimischer wagt, absurde Urlaubskonzepte und rausgeworfenes Geld, wenn man viel zahlt, nur um in "angesagten" Locations zu feiern, einen Buchladen zu besuchen, in dem man Eintritt zahlt, nur weil er angeblich Inspiration für Harry Potter war, sich verändernde Landschaften, die für die Touristenschwärme gemacht sind, aber dem eigentlichen Leben dort den Garaus machen...

Die wirklich lesenswerte Kolumne in der SZ betitelt es als geplanten Tod für die Orte, die touristisch interessant werden. Nichts ist mehr, wie es ist und nichts von dem, was diesen Ort besonders machte, findet, man dort noch. Wir lächeln über bayrische Dörfer, die in China für Besucher nachgebaut werden, aber viel fehlt nicht daran, wenn man begehrte Urlaubsziele betrachtet.

Die Frage ist, was Urlaub wirklich ist... doch eigentlich die Auszeit vom Alltag... andere Rhythmen, anderes Leben, neue Menschen. Jemanden zu treffen wird mittlerweile ein Problem, anderes Leben heisst doch etwas  fernab vom Pfad... da regiert die Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen... Und schon schrumpft die Abenteuerlust. Ich mag mir nicht vorstellen, was gerade eben in den Vergnügungsparks der Nation oder beispielsweise Tropical Iland vor sich geht... Südseeillusion zwischen Plexi-Wänden?

Das Leben hat uns gerade ganz schön vorgeführt, glaube ich, nur merken wir es immer noch nicht.
Wir reden vom anders Reisen, anders Leben, anders Denken... aber nichts von dem passiert wirklich. Da erfinden wir beispielsweise, weils weit weg nicht so einfach geht und so schön umweltkonform erscheint, doch schnell den Trend das Campings neu.
Back to the Routs auf Campingplätzen, die aussehen wie kleine Städte und deren sanitäre Einrichtungen luxussaniert sind. Was muss, das muss eben...
Was das Leben dort anders oder besonders macht, bleibt dahingestellt.
Und wie wir dann diese Plätze verlassen, ähnelt dem, was wir vermutlich früher weit weg von unserer Wahrnehmung auch getan haben und was zur Folge hat, dass uns neben der eh schon begrenzten "Reisefreiheit" (zurecht) immer mehr Beschränkungen drohen.

Will man beispielweise wirklich unkompliziert an vielen Stellen einfach anhalten können und in seinem Auto schlafen, muss es einen mittlerweile in den Norden (Norwegen, Dänemark, Schweden) fahren. Ebenso die Möglichkeit zu grillen... was aber auch ganz schlicht damit zu tun hat, dass wir zu Exzessen neigen. Die Flussufer  unserer grossen Städte gleichen seit dem Hype zu grillen (es leben die Kochshows und Dokus über Grillmeisterschaften, die dem Mann ein neues Hobby beschert haben...) einem Festivalgelände und die Städte haben Probleme, mit Abfall und Lärm.

Ebenso in den Bergen... geht man klettern, also Bergsteigen der wirklich althergebrachten Art, muss man sich immer häufiger seiner Existenz rechtfertigen und das auch nicht zu Unrecht, wenn man sieht, was so alles in den Bergen liegt und Menschen hinterlassen haben, die sich selbst ein Faible für die unberührte Natur attestieren.
Einfach im Schlafsack draussen in  der Wand zu übernachten, ist verboten, ebenso mit dem Auto einfach anhalten und auf dem Parkplatz schlafen. Die Hütten sind voller Urlauber, die mit der Seilbahn nach oben kommen. Ein weniger einfacher machts hier tatsächlich Corona... man muss sich voranmelden und nix mit Luxus. Das schreckt ab.

Alles zum Schlafen muss man selbst dabei haben, auch Essen gibts nicht immer. Das sortiert aus und ist ja aber vielleicht der Weg zurück zu dem, was ein Miteinander der Erde mit seinen Bewohnern möglich und gesund macht, denn seit Urban Outdoor Mode geworden ist, glaubt jeder, ein Naturfreak zu sein. Ohne zu begreifen, was das wirklich bedeutet.
Und nur die Wege gehen, die niemand geht, nur um das zu bekommen, was die Natur zu bieten hat, ist auf Dauer ein wenig erfreuliches Ding, zumal selbst das gerade mangels Möglichkeiten zum neuen Trend wird... der allerdings auch wieder denselben Strukturen folgen wird... was Trend werden will, muss stylisch, bequem, angesagt sein und wird überrannt vom Leben.

Ich fürchte, wenn wir schon nicht in der Lage sind, von Ländern zu lernen, die es tatsächlich besser machen, wird uns die Natur immer öfter unsere Grenzen zeigen (gestern habe ich eine Reportage über Kopenhagen gesehen...dort gibt es Kajaks zu leihen für nix... nur für den Preis, Abfall  sammeln zu "müssen"auf der Tour... coole Idee, weil sich hier die Spreu vom Weizen trennt, Abfalltouristen fern bleiben und gleichzeitig der Müll aus dem Wasser kommt UND... man vermutlich schocktherapiert sein eigenes Müllverhalten überdenkt...googeln: GREEN KAYAK).
Wir täten klug daran, Zusammenhänge zu sehen... was passiert in der Welt und was hat vielleicht mit dem anderen zu tun.  In der Natur gibt es Bäume, die miteinander kooperieren, sich zusammentun gegen bestimmte Schädlinge... sie verändern ihre Stukturen als Reaktion auf Bedrohung und entziehen den Schädlingen der Nährboden.
(Ein Schelm, der Böses dabei denkt... vergleichende Rückschlüsse gewünscht.)

Insofern wird das Fernweh 2020 bleiben... vielleicht aber der Punkt, das eigene Fernweh zu überdenken.
Die Gründe, das, was man wirklich sucht und vielleicht gleich nebenan auch finden kann.. auch wenn es nicht unbedingt konsumfertig schön aufgearbeitet und verpackt ist... Neues entdecken geht halt auch über Try and Error, ist verbunden mit Beulen, Anstrengung,Veränderung... Erlebnislisten abarbeiten, Kontinente sammeln, unseren Lebensstil mit 5 Sternen dort buchen, wo es eigentlich nur Hunderttausende gibt...(die am Himmel) und persönliche Auszeiten auch als Auszeit der eigenen Werte zu nehmen (und damit in der  Ferne kaputt zu machen, was man selbst im eigenen Nest nie tun würde) gehört nicht mehr zum Urlaub der Zukunft. Es ist an der Zeit, sich neu zu orientieren und das nicht nur verbal.

Ich habe keine Ahnung, wieviele "Wellen" es brauchen wird, bis wir bereit sind, in dieser kleiner gewordenen Welt einen Schatz zu sehen, der ebenso aufgebraucht sein wird, wenn wir ihn nicht mehren oder zumindest erhalten.

…von Schwiegermuttertischen & Orten der Sorglosigkeit

Da ist der ungeliebte Tisch (genannt Schwiegermuttertisch ?), an dem sich in einem Café Menschen treffen, die verschiedener nicht sein können und Gemeinsames finden, das sie vielleicht sogar zurückkehren lässt an einen Tisch, der dann alles andere als ungeliebt ist…
Nichts ist nur, wie es scheint.

Da bringt ein riesiger, luftiger Strauß Blumen voller Leichtigkeit Glück, obwohl der Anlass alles andere als glücklich ist und trotzdem irgendwie glücklich gemacht zu haben scheint?
Nichts ist nur, wie es scheint.

Da verfahren sich Situationen ausweglos und stecken fest in Sackgassen, die so eng sind, dass nur ruhig halten hilft und aus der Sackgasse wird mit Geduld und ohne Zappeln ein Meer von Möglichkeiten… und das alles nur, weil eben jede Sackgasse nicht einfach im Nichts endet, sondern vielleicht genau in einem Meer von Möglichkeiten, in dem es in alle Richtungen weitergehen kann?
Auch das muss nicht sein, was es zu sein scheint.

Da gibt es Orte jenseits der Hast, Ziele von sehnsüchtigen Gedanken und versehen mit dem Stempel der Sorglosigkeit, an denen unerwartet die Probleme der Welt weltbewegend für diese ganz kleine werden können und man sich plötzlich dankbar durchatmen sieht, weil man gerade eben nicht Teil dieser Sehnsuchtswelt ist…
Selbst da ist nichts unbedingt so, wie es ist.

Wir glauben zu sehen, was ist, zu wissen, was zu tun ist oder zu kennen was man sieht. Aber irgendwie sind die Dinge doch immer ein wenig anders, immer sehr fragil, sehr lebendig und in Bewegung und wie beim Blick durch den Sucher der Kamera komplett neu, wenn man auch nur ein wenig den Blickwinkel verändert. Und sei es nur, weil die Welt gerade einen Atemzug gemacht hat, sich bewegt und neu sortiert und schon lange nichts mehr ist, wie es schien… oder vielleicht auch nie war.

Halten wir also am besten alles für möglich und bestenfalls die Welt nicht für das, was sie zu sein scheint. Meist ist sie vermutlich alles, nur nicht das, was wir in ihr sehen.

Zu wenig und wann endlich mal gerade richtig?

Das ist ein Ding, das ich definitiv nicht beherrsche.
Der Kühlschrank ist voll an Lieblingsdingen und die Familie hat’s nicht gewusst oder war nicht da oder hat es nicht gesehen (Kühlschrank extra in Mannhöhe… die meisten Fächer schreien einen förmlich ins Gesicht).

Gleiche Geschichte: ein Freund bedankt sich für Hilfe beim Bau mit einer leckeren Wildsalami… nein, davon haben wir selten zu viel, meist eher zu wenig. Was passiert: aus zu wenig wird zuviel, weil besagte Wurst verantwortungsvoll vor den Hunden und anderen Haustieren verborgen und deshalb aufgehangen wird. Man kann sie nicht einfach gebrauchsfertig auf den Schrank legen, da besagte Tiere weder blöd noch bewegungslegasthen sind.. also hoch damit… aus den Augen aus dem Sinn und irgendwann in feuchtem Sommer-Gewitterklima sieht auch die geräucherte Wurst nicht mehr so schön aus. Und schon wird aus zuviel wieder zu wenig.

Ob ein Blechkuchen, Plätzchen zur Weihnachtszeit, Süßes zum Geburtstag… das Prinzip wiederholt sich und irgendwann beginnt man zu ahnen, dass nur der Mangel das einzig wahre Glücksgefühl ist… dieses Sehnen nach etwas, was man gerade nicht bekommen kann, wovon nicht genug da ist oder jemandem anders gehört.

Sobald es jemandem in den Sinn kommt, den Grund des Mangels zu beheben, merkt man offenbar, dass die Vorstellung dessen, was man begehrt, viel besser war als das Ding selbst?
Das Dumme… es gibt keine gute Lösung für das Thema, vielleicht ja immer ein wenig zu wenig von allem?

Der eigentliche Anlass, um dieses Thema zu bedenken, ist eine Zeit, nach der sich hier jeder sehnt, weil da jemand komplett auf Smoothies steht, ein anderer fast alle anderen Früchte weniger erträglich findet… die Erdbeerzeit.
Und da heute Sonntag war, die Sonne schien und der Tag noch jung, fand ich mich hochmotiviert auf dem Erbeerfeld wieder. Ich hadere dabei die ganze Zeit des Pflückens damit feststellen zu müssen, dass wir als Menschen offensichtlich so viele Erdbeeren brauchen, dass die Pflanzen auf den Erdbeerfeldern mittlerweile so robust sind, dass sie vermutlich jeder Widerigkeit stand halten und so unglaublich viele Früchte tragen müssen, dass, gäbe es sowas wie Tierschützer für Pflanzen, eine Demo so sicher wie das Amen in der Kirche wäre.

Aber wir wollen ja alle in der kurzen Zeit, in der das geht, alle richtig genießen und das ist am Ende der Preis. Parallel tut man der Pisa-Studie Gutes, weil das Mädchen an der Waage realitätsbezogen Mathe-Überstunden schiebt.
Zurück mit einer vollen Kiste und einem Korb fragt dann der Liebste doch tatsächlich, was man mit alle den Erbeeren wolle. Dass man sich an Geschichten von kleinen Erdbeertartes für 20 Euro von einem französischen Bäcker erinnert, kombiniert mit der Aussage, Erdbeeren wären DIE Lieblingsfrucht verblasst vor der Tatsache, dass er wohl sicher keine Zeit findet, um die hier in Ruhe zu essen.

Und schon beißt sich die Katze in den Schwanz… was nicht spontan gegessen wurde, wandert für kommende Smoothies in den Tiefkühler, wo sie hoffentlich gesehen werden und der Rest muss herhalten für ein neues Backexperiment, das dann auch eure Tiefkühler wieder leer macht??