Ab ins HomeOffice

Neben vielen anderen Fehleinschätzungen holt uns jetzt (leise über das Thema Unterricht der Schüler zu Hause und laut über das Thema Abitur) das ein, was Schule nicht ist und eigentlich ja auch bekannt ist.

Die Kultusministerkonferenz hat beschlossen, dass das Abitur stattfindet... ja warum auch nicht, selbst wenn sich über den Termin streiten lässt.
Wäre es mein Kind, dass das vor dem Abitur stünde, würde ich sogar erwarten, dass es mit einem solchen die Schule verlässt, weil es zumindest für Ausbildung/Studium und den ersten Job existentiell sein wird. Flexibilität in der Wahl des Zeitpunktes könnte man zeigen, dem Abitur wird es egal sein, wenn es erst im September geschrieben würde...

Gerade kursiert die Geschichte einer Abiturientin, die recht sachlich darstellt, weshalb das Abitur in diesem Jahr keine Option wäre und es werden Bewertungsoptionen zurechtgebastelt, wie man aus bisher erbrachten Klausuren/Punkten ein Abitur zimmern könnte. Ich muss dazu sagen, dass ich persönlich in exakt derselben Situation gesteckt habe, als die Wende über die DDR hereinbrach. Da ging es um noch ein wenig mehr... wir standen vor den Abschlussprüfungen im Studium und bei den ersten meiner Kommilitonen stand bereits fest, dass sie keine Stelle bekommen würden... Ein No Go damals... In jedem Fall stelle man sich die Ausnahmesituation vor... die Welt geriet aus den Fugen, keiner wusste mehr, was gerade richtig war. Natürlich haben wir die Gunst der Stunde genutzt und versucht, den Rest der anstehenden Prüfungen (eh nicht unser aller Lieblingsfach und schon gar nicht der Lieblingsprofessor) noch irgendwie ausfallen zu lassen. Verunsicherung war aber ganz bestimmt der letzte Grund dafür... denn eigentlich war klar, was die Prüfungen umfassen würden, denn  es gab ja die Zeit vor dem Chaos.
Lange Rede kurzer Sinn... die Krise als Grund für nicht stattfindende Prüfungen zu nutzen, ist am Ende der bequemere Weg, der aber ganz sicher nicht das eigentliche Probem löst, die Unselbständigkeit, zu der unser System erzieht.

(Wir haben sie damals übrigens ablegen müssen... ein paar Wochen später und inhaltlich etwas modifiziert, aber sie fanden statt und wir uns schneller auf dem Weg vom doch recht entspannten Studentenleben in den Berufsstart, als uns lieb war:))

Ein Satz, den die Abiturientin sagt, trifft es gut: "Es fühlt sich an, als sei ich auf mich allein gestellt."
Ja, natürlich. So ist es auch ein Stück weit... genau das ist es,worauf Schule vorbereiten sollte. Wie sonst soll es möglich sein, die Selbständigkeit zu erlernen, die es braucht, um sein Studium zu organisieren, zu erkennen, dass es eigenen Einsatz braucht, man selbst die Steine wegräumen muss, die da liegen? (Das selbe trifft auf die zu, die in eine Ausbildung gehen.) Und auch, wenn es immer mehr IN ist, eine Jahr Auszeit zu nehmen, wird genau das auch Selbständigkeit verlangen... Unvorbereitetheit, oftmals völlig andere Kulturen, andere Zeitpläne, unbekannte Tätigkeiten... eingeschlossen.

Für mich ist es ein Warnsignal, wenn das als Grundgefühl existiert, wir unsere Schule nicht so organisiert bekommen, dass am Ende jemand auf seinen eigenen Füßen stehen kann, auch wenn es mal etwas holprig wird und keine helfende Hand da ist. 12 Jahre Schule sollten doch  ausreichen, um spätestens im Kurssystem ab Klasse 11 selbständiges Arbeiten zu lernen.
"Das deutsche Bildungssystem war nicht darauf vorbereitet, Schüler*innen selbständig arbeiten zu lassen."

???
Ja, so ist es, man sieht es überall gerade. Der Alltag unserer Kinder findet virtuell statt, aber wir sind nicht darauf vorbereitet, diese technischen Möglichkeiten ausreichend zu nutzen oder sind flexibel genug, die Lernbedingungen an die Situation anzupassen, die den Gebrauch aller dieser technischen Möglichkeiten zulässt. Wozu dann IPad-Klassen und Co?

Das Grundproblem liegt natürlich ebenso bei Lehrplänen, also staatlichen Vorgaben (wobei es schon Lehrer gibt, die den gegebenen Freiraum gut nutzen, um ihren Schülern Selbständigkeit abzufordern, was aber gleichzeitig weniger berechenbare Ergebnisse beinhaltet, die einer viel aufwändigeren Bewertung bedürfen...das muss man wollen), den Lehrern und auch irgendwie den Eltern, die manchen Freiraum gar nicht gewähren.

Das Ergebnis: unselbständige, wenig belastbare und recht unflexible Schulabgänger ohne Handlungsmuster, die schon vor Kleinigkeiten ausweichen. Und dabei fängt das Dilemma da erst an... Eltern, die Kinder in den Zwanzigern haben, werden wissen, wovon ich rede. In Anbetracht dessen, dass ein Abitur wie vorgeschlagen (Link zum relevanten Artikel kommt noch.) ggf. in ein paar Jahren europaweit gar nicht anerkannt werden könnte, unsere Welt aber mittlerweile so offen ist, dass man überall sein Leben gestalten kann und dann ggf."ohne" dasteht, ist Lernen im häuslichen Umfeld alleine (mit mehr Ruhe als jemals) wohl mehr als angemessen.
Vor allem, wenn man sieht, was folgt... Die Jugendlichen erwartet nicht selten eine Odyssee. Möglich mag vieles sein, auch verlockend klingen.

Was aber auch Realtität ist:
Fahrtzeiten zum Ausbildungsort von mehreren Stunden aus Orten, die infrastrukturell nicht angebunden sind (sollen wir deshalb alle in der Stadt leben?) und alle finanziell sowie organisatorisch auf eine Zerreissprobe stellen... Führerschein, WG-Kosten, falls es überhaupt eine zu haben gibt... Ausbildungskosten, falls  es um eine schulische Ausbildung geht und folgend ein Jobanfänger (meist logischerweise pleite), der nach Jobs sucht, die auch wiederum Kilometer entfernt sind und Auto, Geld für Benzin, ggf. Umzüge in andere Orte... schlecht bezahlte Anfängerjobs (weil Anfänger ja quasi ungelernt sind) mit Probezeiten ohne Rechte... für Studierende ggf. der numerus clausus, der dich aufs Wartegleis schiebt zwischen Bufti und AuPair-Dasein, mit  Eignungstests, die Monate in der Auswertung dauern, aber Voraussetzung für einen nächsten Schritt sind... alles Dinge, von denen man den Eindruck hat, das wäre alles eine einzige große Prüfung in Geduld, Beharrlichkeit, familiärem Zusammenhalt und wirklicher Lust auf den Traumjob.

Da aber geht es zwischendrin für viele bereits um die Existenz und darum, dass ein Abitur in schrägen Zeiten noch das geringste Problem war, weil man einfach endlich gern das tun will, was einen auch füllt und Selbstbewusstsein gibt. Weil man dann endlich nicht mehr auf dem Arbeitsamt erklären muss, dass man gern genau diesen Job machen will, für den man sich hat ausbilden lassen, aber nicht dafür kann, wenn man in der Probezeit ohne echten Grund entlassen wird, weil der Chefin Führungsqualiätaten fehlen und man nicht als jemand, der ärztlich attestiert gesundheitlich nicht 40 Stunden belastbar ist, keinen 42h-Job in einem eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernten Ort antreten kann, es auch nicht sinnvoll ist, wenn Fahrt- und Lebenshaltungskosten den gezahlten Lohn überschreiten und man einen Job ablehnen muss...
Und dann wäre ja noch die Frage der Erfahrung und der Pläne... Erfahrung Null (woher auch...aber stattdessen vielleicht frischer Wind, neue Methoden, Erkenntnisse usw.) und dann vielleicht sogar noch Familienpläne... Kinder will man nicht, scheint der Satz zu sein, den man am besten verwendet... Kinder haben ist auch nicht so richtig gut, denn die werden krank, vor allem, wenn sie noch nicht aus dem Gröbsten raus sind (hoppla...die "gerade" aus dem Gröbsten raus sind, wollen ja eben diesen Job...)

Gegen all das erscheint das, was  hier zum Problem gemacht wird, wie Kindergarten.
Wir geben unseren Kindern kaum eine Chance, weil wir sie werden lassen, wie sie sind und dann in ein System schubsen, dem sie nicht gewachsen sein können und irgendwie heil nur mit Glück, Zähigkeit und familiärem Zusammenhalt herauskommen.

Man sagt ja, die Krise sei geeignet zum Nachdenken, merken, was schief läuft. Letzteres stimmt wohl.
Aber ich sehe keine Kultusministerkonferenz, die das Thema Abitur beredet und sich gleich "BILDUNGSREFORM" auf die Agenda setzt. Braucht man Abstand, um das Dilemma zu erkennen? Zumindest würde das erklären,weshalb all die guten Vorsätze verpuffen, sobald man im Amt ist und ein System gefüttert wird, das eigentlich zum Scheiten verurteilt ist.

Und ihr Schüler da draussen... nehmt es sportlich, vielleicht als"Jugend forscht"Projekt und findet heraus, wie ihr eure Technikaffinität nutzen könnt, um diese Zeit zu nutzen. Lernen online funktioniert.

Schaut einfach zu den Erwachsenen, die jetzt in NullKommaNichts mehr oder minder souverän Onlineworkshops,Webinare und Co. aus dem Boden stampfen und sich durchwühlen. Vielleicht ist es an der Zeit. Auch für uns Eltern, da Verantwortung zu übernehmen und die Tasten auf dem Smartphone zu aktivieren, die nicht mit Instagram und Netflix gekoppelt sind.

Der Beitrag des Anstoßes:
>hier ze.tt

 

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