Urlaub 2020

Was noch vor einem Jahr ein Markt der Eitelkeiten war, entwickelt sich gerade zum Statement.

Ich habe einiges gelesen in den letzten Tagen, mir die Urlaubspläne von Freunden und natürlich uns selbst angesehen und erst jetzt gerade bemerkt, dass meine Eltern gar keinen Urlaub gebucht haben... war das so geplant?

Es gab eine interessante Kolumne heute in der Süddeutschen. Die Frage war, ob man überhaupt Tourist sein mag...
Und ich ertappe mich dabei, das nicht bejahen zu wollen... allerdings auch nicht verneinen. Vielleicht unterwegs  Seiender?
Aber sind wir das nicht eh, tagtäglich, irgendwie... von A nach B (der eine mehr, der andere weniger) und in uns selbst?
Und was davon genügt?

Es ist mittlerweile peinlich... mit dem Zusatz Corona (was auch immer Corona inhaltlich damit zu tun hat, denn die Beschränkungen sind nicht gemeint, sondern das Thema Umwelt), eine Flugreise zu planen. Hätte es vielleicht schon immer sein können, aber am Ende bleiben Fernweh und Neugier ein grundlegendes Bedürfnis. Fakt ist, dass wir beides nicht selten benutzen, um vor uns selbst zu verstecken, dass wir es eigentlich  mit uns selbst schwer aushalten. Da investieren wir teils wirklich Enormes, um den Ort, an dem unsere Wurzeln wachsen könnten (unser Zuhause), zu einem solchen zu machen. Und dann wachsen sie nicht.

Wie auch, wenn wir ständig auf der Flucht und zwanghaft unterwegs sind?
(Was? Ihr macht keinen Urlaub? Nein... wir haben frei von den täglichen Verpflichtungen. Schön so. Oder doch nicht?)
Und dann kommt Corona mit dem Einzigen, was dieser Virus wirklich mit dem Reisen zu tun hat und macht uns dasselbe einfach schwer. Aber wir sind ja anpassbar... buchen die erstmögliche Kreuzfahrt in den Norden (fühlt sich trotzdem an, als würde man eine Hafenrundfahrt mit Sternchen buchen, nur um sich wie ein Kreuzfahrender... DER WEG IST DAS ZIEL... zu fühlen, was natürlich der blanke Unsinn ist... wissen wir eigentlich), weil man nunmal "infiziert" ist und nicht anders kann, als sein ureigenstes Bedürfnis nach Ferne so zu stillen. Oft sogar mehrmals im Jahr.

Infiziert vom Reisen?
Ganz bestimmt nicht. Eher vom kleinen Hauch (Massen)Luxus und der Möglichkeit, es getan zu haben. Der Mehrwert erschliesst sich mir nicht, schon gar nicht das Erlebnis oder der Weg, der irgendwas gebracht haben könnte. Aber wir tun es. Schon wieder...auch jetzt, kein halbes Jahr danach, kaum, dass Beschränkungen wegfallen und man endlich wieder weg kann (wovon?).

Und es offenbart für mich das Dilemma Tourismus, das viele (seltsame) Gesichter hat...
Städte, in die sich in der Urlaubszeit kein Einheimischer wagt, absurde Urlaubskonzepte und rausgeworfenes Geld, wenn man viel zahlt, nur um in "angesagten" Locations zu feiern, einen Buchladen zu besuchen, in dem man Eintritt zahlt, nur weil er angeblich Inspiration für Harry Potter war, sich verändernde Landschaften, die für die Touristenschwärme gemacht sind, aber dem eigentlichen Leben dort den Garaus machen...

Die wirklich lesenswerte Kolumne in der SZ betitelt es als geplanten Tod für die Orte, die touristisch interessant werden. Nichts ist mehr, wie es ist und nichts von dem, was diesen Ort besonders machte, findet, man dort noch. Wir lächeln über bayrische Dörfer, die in China für Besucher nachgebaut werden, aber viel fehlt nicht daran, wenn man begehrte Urlaubsziele betrachtet.

Die Frage ist, was Urlaub wirklich ist... doch eigentlich die Auszeit vom Alltag... andere Rhythmen, anderes Leben, neue Menschen. Jemanden zu treffen wird mittlerweile ein Problem, anderes Leben heisst doch etwas  fernab vom Pfad... da regiert die Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen... Und schon schrumpft die Abenteuerlust. Ich mag mir nicht vorstellen, was gerade eben in den Vergnügungsparks der Nation oder beispielsweise Tropical Iland vor sich geht... Südseeillusion zwischen Plexi-Wänden?

Das Leben hat uns gerade ganz schön vorgeführt, glaube ich, nur merken wir es immer noch nicht.
Wir reden vom anders Reisen, anders Leben, anders Denken... aber nichts von dem passiert wirklich. Da erfinden wir beispielsweise, weils weit weg nicht so einfach geht und so schön umweltkonform erscheint, doch schnell den Trend das Campings neu.
Back to the Routs auf Campingplätzen, die aussehen wie kleine Städte und deren sanitäre Einrichtungen luxussaniert sind. Was muss, das muss eben...
Was das Leben dort anders oder besonders macht, bleibt dahingestellt.
Und wie wir dann diese Plätze verlassen, ähnelt dem, was wir vermutlich früher weit weg von unserer Wahrnehmung auch getan haben und was zur Folge hat, dass uns neben der eh schon begrenzten "Reisefreiheit" (zurecht) immer mehr Beschränkungen drohen.

Will man beispielweise wirklich unkompliziert an vielen Stellen einfach anhalten können und in seinem Auto schlafen, muss es einen mittlerweile in den Norden (Norwegen, Dänemark, Schweden) fahren. Ebenso die Möglichkeit zu grillen... was aber auch ganz schlicht damit zu tun hat, dass wir zu Exzessen neigen. Die Flussufer  unserer grossen Städte gleichen seit dem Hype zu grillen (es leben die Kochshows und Dokus über Grillmeisterschaften, die dem Mann ein neues Hobby beschert haben...) einem Festivalgelände und die Städte haben Probleme, mit Abfall und Lärm.

Ebenso in den Bergen... geht man klettern, also Bergsteigen der wirklich althergebrachten Art, muss man sich immer häufiger seiner Existenz rechtfertigen und das auch nicht zu Unrecht, wenn man sieht, was so alles in den Bergen liegt und Menschen hinterlassen haben, die sich selbst ein Faible für die unberührte Natur attestieren.
Einfach im Schlafsack draussen in  der Wand zu übernachten, ist verboten, ebenso mit dem Auto einfach anhalten und auf dem Parkplatz schlafen. Die Hütten sind voller Urlauber, die mit der Seilbahn nach oben kommen. Ein weniger einfacher machts hier tatsächlich Corona... man muss sich voranmelden und nix mit Luxus. Das schreckt ab.

Alles zum Schlafen muss man selbst dabei haben, auch Essen gibts nicht immer. Das sortiert aus und ist ja aber vielleicht der Weg zurück zu dem, was ein Miteinander der Erde mit seinen Bewohnern möglich und gesund macht, denn seit Urban Outdoor Mode geworden ist, glaubt jeder, ein Naturfreak zu sein. Ohne zu begreifen, was das wirklich bedeutet.
Und nur die Wege gehen, die niemand geht, nur um das zu bekommen, was die Natur zu bieten hat, ist auf Dauer ein wenig erfreuliches Ding, zumal selbst das gerade mangels Möglichkeiten zum neuen Trend wird... der allerdings auch wieder denselben Strukturen folgen wird... was Trend werden will, muss stylisch, bequem, angesagt sein und wird überrannt vom Leben.

Ich fürchte, wenn wir schon nicht in der Lage sind, von Ländern zu lernen, die es tatsächlich besser machen, wird uns die Natur immer öfter unsere Grenzen zeigen (gestern habe ich eine Reportage über Kopenhagen gesehen...dort gibt es Kajaks zu leihen für nix... nur für den Preis, Abfall  sammeln zu "müssen"auf der Tour... coole Idee, weil sich hier die Spreu vom Weizen trennt, Abfalltouristen fern bleiben und gleichzeitig der Müll aus dem Wasser kommt UND... man vermutlich schocktherapiert sein eigenes Müllverhalten überdenkt...googeln: GREEN KAYAK).
Wir täten klug daran, Zusammenhänge zu sehen... was passiert in der Welt und was hat vielleicht mit dem anderen zu tun.  In der Natur gibt es Bäume, die miteinander kooperieren, sich zusammentun gegen bestimmte Schädlinge... sie verändern ihre Stukturen als Reaktion auf Bedrohung und entziehen den Schädlingen der Nährboden.
(Ein Schelm, der Böses dabei denkt... vergleichende Rückschlüsse gewünscht.)

Insofern wird das Fernweh 2020 bleiben... vielleicht aber der Punkt, das eigene Fernweh zu überdenken.
Die Gründe, das, was man wirklich sucht und vielleicht gleich nebenan auch finden kann.. auch wenn es nicht unbedingt konsumfertig schön aufgearbeitet und verpackt ist... Neues entdecken geht halt auch über Try and Error, ist verbunden mit Beulen, Anstrengung,Veränderung... Erlebnislisten abarbeiten, Kontinente sammeln, unseren Lebensstil mit 5 Sternen dort buchen, wo es eigentlich nur Hunderttausende gibt...(die am Himmel) und persönliche Auszeiten auch als Auszeit der eigenen Werte zu nehmen (und damit in der  Ferne kaputt zu machen, was man selbst im eigenen Nest nie tun würde) gehört nicht mehr zum Urlaub der Zukunft. Es ist an der Zeit, sich neu zu orientieren und das nicht nur verbal.

Ich habe keine Ahnung, wieviele "Wellen" es brauchen wird, bis wir bereit sind, in dieser kleiner gewordenen Welt einen Schatz zu sehen, der ebenso aufgebraucht sein wird, wenn wir ihn nicht mehren oder zumindest erhalten.

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