zum Rezept springen

...oder die Magie einer Nacht

In einer so orientierungslosen Zeit wie der, die wir gerade haben, explodiert das Parallelleben in den sozialen Netzwerken. Aus 8h täglicher Nutzung des Smartphones wurden 10... Das ist fast die Hälfte des Tages, die wir fast nicht in der Lage sein werden, uns mit uns selbst zu beschäftigen... zu schauen, was mich selbst ausmacht, mich bewegt, mich berührt... wo meine Stärken und Schwächen sind, wonach ich mich sehne und was meine Träume sind. Und selbst, wenn ich mir derer bewusst bin, habe ich entweder zu wenig Zeit, mich ihnen zu widmen oder ich lande gegebenenfalls wieder in den sozialen Medien, dann alles, was wir tun, scheint sich in irgendeiner Weise dort zu sammeln.

Sei es, um mich selbst zu optimieren, um ins Bild zu passen oder dann wiederum, um das Ergebnis meiner Selbstoptimierung dem prüfenden Finger nach oben oder einem Herz zur Verfügung zu stellen. Immer im Sinne eines Lebens, das wir uns aus dem Internet geborgt haben, Fürs eigene bleibt ja auch zu wenig Raum.

Um wahrgenommen zu werden, müssen wir sein, wie man zu sein hat, nur die wenigsten finden den Mut, sich tagtäglich zu bemühen und dabei vergebens auf den scheinbaren Lohn warten zu müssen, weil sie sich nicht dem anschließen, was gängig ist. Da kauft man ggf. lieber schnell mal ein paar tausend Follower für wenig Geld in der durchaus nachvollziehbaren Hoffnung, endlich wahrgenommen zu werden und befindet sich dennoch immer noch und immer wieder in derselben Schleife der Selbstoptimierung nach einem System, das schwer fassbar und schon gar nicht beeinflussbar ist. Und das 10 Stunden am Tag.

Sucht euch doch einfach einmal euer Lieblingsthema und gönnt euch eine Stunde auf Google, Instagram, Facebook, Pinterest oder wo auch immer. Ihr werdet sehen, dass es alles schon gibt... vermutlich kommt ihr entweder zu der Erkenntnis, dass viele viel besser sind als ihr oder ihr zweifelt am Verstand der Menschheit, wenn ihr seht, wie wenig manchmal nötig ist, um gesehen zu werden und ihr fragt euch am Ende verständlicherweise... wo passe ich da noch rein?

Am besten immer noch nirgendwo (auch wenn es schwer fällt), glaube ich. Die wenigen Menschen, die ich als wirklich glücklich und zufrieden kennengelernt habe, messen sich fast nie an etwas anderem, als an ihren eigenen Wünschen und Ansichten. Sie gehen einen Weg, der sich langsam formt, Ziele gibt es eigentlich keine genauen.
Das Ziel ist, wenn man es so betrachten will, eigentlich immer nur das, einen Schritt weiter zu gehen und das, woran einem liegt, noch ein Stückchen reicher zu machen, sich selbst mit schönen Momenten, in denen Dinge gelingen und zufrieden machen, zu füllen.

Sie kommen nicht auf die Idee, sich an anderen zu messen oder den eigenen Wert dadurch zu bestimmen, was andere einem spiegeln. In der Regel ist ihnen Zuspruch dann etwas wert, wenn die Dinge, die sie schaffen, anderen Hilfe sind oder Freude machen, sie also die Welt auf eine stille Weise bereichern. Sie reichen nichts genau dort herum, wo Zuspruch erwartet werden kann, einem recht stabilen Kreis von Menschen, die ohnehin immer Zuspruch liefern. Lieber setzen sie sich dem Sturm ihrer eigenen Bewertung aus, genießen für sich selbst oder gehen eben weiter, wenn’s mal nix zu genießen gab.

Das ist für mich menschliche Weiterentwicklung und der tägliche kleine Kampf, den jeder für sich führt... und wenn er es sich traut, dann fernab von einer Bewertung, die gemessen wird an dem, was man so macht. Stellt euch vor, ihr habt einen für eure Maßstäbe wirklich großen Schritt getan, etwas gewagt oder probiert und seid dann nicht mehr in der Lage, genau diesen Mut zu genießen, weil es wichtig ist, was die da draußen dazu sagen... Eben auch die, die keinen Like hinterlassen, gar Zweifel säen oder auch einen gedankenlosen Like, der nett gemeint, aber einfach völlig nutzlos ist.

Oder ihr habt eine grandiose Idee, aber nicht die richtige App auf dem Smartphone, die die Bilder genau so filtert, wie man sie gerade gern sieht... Man wird euch nicht sehen und das nur, weil ihr vergessen habt, den „Designkontext“ mit ins Boot zu holen und eure Idee so zu pimpen, dass sie gern gesehen wird.

Diese 10 Stunden online am Tag bedeuten also genaugenommen nicht nur, dass sie euch fernhalten von den Abenteuern da draußen, dem Gefühl, was ihr selbst seid und den Träumen, die entstehen, wenn man seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Sie bedeuten auch, dass man sich unwillkürlich das Korsett anderer anzieht, sich so das Leben der anderen borgt, nur überhaupt wahrgenommen zu werden. Dabei vergessen wir uns selbst, verlieren den Boden unter den Füßen und vergessen, dass leben eigentlich heißt, sich zu trauen, den ganz eigenen Weg zu gehen... den, der euch selbst glücklich macht, der euer Herz hüpfen lassen kann, auch wenn es keiner merkt. Was gibt es mehr zu holen, als das eigene, hüpfende Herz. Ohne Erwartungen an andere, dass die dich toll finden und das allen mitteilen, die dich ggf. gar nicht kennen.
(Denkt man allein an die Statusmeldungen auf WhatsApp.... schaltet sie mal einen Tag aus und genießt, wie wenig Ballast ihr ins Leben geschoben bekommt, ohne dass ihr darum gebeten habt.)

Glücklich und zufrieden sind die, die noch die Fähigkeit haben, mit sich selbst und dem, was sie erschaffen, für sich zufrieden zu sein... ohne in den Meßbecher anderer hüpfen zu müssen. Und ganz nebenbei... nur so kann auch das Besondere entstehen. Besonders kann nicht sein, was sich ständig wiederholt oder sich am Staunen Dritter orientiert.

Also traut euch, besonders zu sein, euch für euch selbst mehr zu freuen, als sich freuen zu lassen. Der wahre Schatz liegt außerhalb der 10 Stunden... den ruhigen nachts, in dem euch ein Einfall kommt und euch Tolles gelingt, den Momenten draußen, wenn ihr im Sturm spazieren geht, es euch den ganzen Kopf durchpustet und die Gedanken klar sind wie selten und in denen, in denen ihr einfach zufrieden seid... mit euch und eurer ganz kleinen persönlichen Welt.
Ich wünschte mir manchmal, man würde sich häufiger Zeit nehmen, sie geschehen zu lassen🙃

In einem solchen Moment sind übrigens die kleinen Törtchen entstanden, zu denen ich hier das Rezept anfüge. Nachts, ohne Plan und ohne den Wunsch nach Staunen. Sie hätten ebenso jämmerlich schiefgehen können... geschmacklich wie optisch, denn mein Backprinzip ist nach wie vor Trial and Error.
Schön geworden sind sie mehr aus Zufall... weil sie nur aus praktischen Gründen in der Form gelandet sind, die sie eben so toll machen (wie der Mohn, der immer tolle Bilder macht, weil er so schön grafisch aussieht.)
Aber eben das alles macht die Törtchen nicht toller und ich glaube, man muss mehr Gespür dafür entwickeln, was von dem, was man sieht, wirklich gut ist. Deshalb bin ich sehr froh, dass die wenigen Menschen, die meine Rezepte mögen, sich zwar begeistern lassen, wenn etwas toll aussieht, aber schon interessiert sind, wie das alles schmeckt, denn um nichts anderes geht es. Um Intensität, Aromen, Konsistenzen. Weniger um das tolle Foto, das schöne Geschirr, die ausgefallene Gabel, die Decke von Oma oder eine Tortenplatte, die nichts dazu beiträgt, was das Ganze in eurem Mund macht.

Und genau deshalb gibt es hier das Rezept für euch, denn die Törtchen, die zufällig wirklich sehr schön aussehen, schmecken auch genauso. Man muss sie sich auf der Zunge zergehen lassen und alle Schichten zusammen essen... nur dann sind sie, was sie sein können...
Und für mich waren sie einer der Momente, die besonders sind... so ganz ohne Plan und mit Leichtigkeit sind sie Stück für Stück in die Form gehüpft... ohne das auch nur im Ansatz klar war, was daraus wird... bis auf zwei Komponenten: Eierlikör und Mohn.

Alles andere war die Magie kurz vor Mitternacht. Irgendwann einmal. Und das war es eigentlich auch... der Moment, als sie plötzlich fertig waren, alles funktioniert hatte und sie sogar noch schmeckten. Dem bleibt nichts hinzuzufügen... weder Likes, noch Herzchen. Naja, vielleicht doch: euer Herzhüpfen, wenn ihr sie gebacken habt und glücklich seid.

Lasst es euch schmecken!

 

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