...und ein bisschen back to the routs


Dieser Blogpost wird Teil der Blogparade der Thüringer Bloggergemeinschaft von @thueringenbloggt in Kooperation mit @thueringen_entdecken.de.
Es geht geht um Entdeckungen in Thüringen. Ich habe mich nicht sehr weit auf den Weg machen müssen, um jemanden zu entdecken, der es mehr als wert ist, auch von euch entdeckt zu werden und dabei ein Stück Vergangenheit gefunden:)


Ich habe einen Termin, der eigentlich keiner ist, denn hier auf dem Dorf ticken die Uhren anders. Man kommt, wenn man kommt, geht oft durch offene Türen und fühlt sich selten wie Besuch. So geht es auch mir, als ich das große Tor vor mir herschiebe und mich darauf freue, was Heike mir zeigen will.

Heike Stephan lebt mit Hund Richard im alten Pfarrhaus von Löhma (so ziemlich am Ende von Thüringen... oder am Anfang??) und macht Kunst. Es ist ihrem offenen Haus und ihrem Leben mit Klaus Renft (Renft Combo) zu verdanken, dass sie hier jeder kennt. Nicht sicher bin ich mir, ob alle wirklich wissen, was für Schätze in diesem alten Haus zu finden sind.
Schon im Garten begegnet einem überall Kunst... nicht verwunderlich, weil viele der Dinge für genau diesen gemacht sind. Im Gartenhaus liegen noch Skulpturen, die frisch aus der Gießerei in Wurzbach kommen und auf den Feinschliff warten. Einige davon stehen schon in aktuellen Ausstellungen oder warten auf die Abholung durch Käufer, die die feinsinnige Art zu gestalten, die alle Arbeiten von Heike gemein haben, lieben.

Es ist schwer zu sagen, was Heikes wirkliche Ambition ist... sicher würde sie mir die Druckgrafik nennen, vielleicht auch nicht. Ich habe sie vergessen, das zu fragen, aber eigentlich ist das auch egal. Ob Drucktechniken, die dreidimensionale Arbeit an ihren Skulpturen, das Schreiben oder ihre Handarbeiten... es ist immer Heikes besonderer Zugang zu Worten, die irgendwo mitschwingen.

Ich werde begrüßt von einem überschwänglichen großen Hund, der mich zwar erst nach ein paar Minuten toll findet, uns aber keine Minute allein lässt in der Werkstatt. Heike holt das heraus, was sie mir zeigen wollte, woran sie seit vielen Monaten (2 Winter) bereits arbeitet und was jetzt  irgendwann fertig sein wird... wenn sich herausstellt, ob die beiden Flächen, die noch mit einem gedanklichen Fragezeichen versehen sind, nun noch Gestaltung brauchen oder bleiben dürfen, wie sie sind.

Das, was sich vor mir ausbreitet, fühlt sich an, als hätte Heike ein Märchenbuch geöffnet und beginnt, ein Märchen aus 1000 und einer Nacht zu lesen. Heikes Handarbeiten sind um vieles farbintensiver als ihre großen Grafiken und die Fülle an Farben, aus denen die Decke besteht, die ausgebreitet vor mir liegt, fühlt sich an wie Kindheit. Die Decke steckt voller Farbe, Formen, Figuren und Geschichten und es fühlt sich seltsam an, Heikes Grafiken, die da vor einem an der Wand hängen, sauber gestickt auf der flauschig weichen Wolle wiederzufinden. Ich stehe vor einer Handarbeit, die ich zwar von mit der Maschine bestickten Stoffen kenne, die mich aber in dieser Kombination völlig fasziniert... ganz abgesehen vom Inhalt.

Muster, Linien, Ornamente, Figuren und Texte tummeln sich auf dem wild bunten Untergrund, inspiriert vom französischen Dichter Lautréamont und den "Gesängen des Maldoror", der früh starb und Vorbild für viele Surrealisten ist, sowie ihren eigenen Texten.
Worte sind das, was Heikes Werk von jeher prägt... die den Untergrund für viele Arbeiten bilden oder sinntragend im Zentrum der Gestaltung stehen. Schrift ist überall... eigentlich auch überall im Raum, in den Gesprächen, den Plänen, Gedanken. Alles trifft sich am Ende im Wort.
Und dabei beginnt es oft sehr schlicht, nämlich mit einer Sache, die entsteht, wenn der Tag um ist, der Kopf zu leer für große Taten.


So, wie die Decke sich auch erst zu dem entwickelt hat, was sie jetzt wird, wartet beispielsweise dieses gestrickte Quadrat auf das, was da kommt. Der erste Schritt ist gemacht... es gibt eine vage Ahnung davon, was irgendwann zusammenfinden soll... nämlich die Lithografie, die auf der Strickerei liegt.
Schon hier treffen sich wieder Handarbeit, bildende Kunst und Musik... anzunehmen ist, dass da die Literatur nicht fern ist. Und so schwingt im Raum immer irgendetwas von allem... steht Heike vor ihren Drucken, zeigt mir dazu Fotos von Skulpturen, die gerade in einer Ausstellung sind und sinnt darüber nach, ob es möglich ist, mit Computertechnik die Welt ihrer Bilder dreidimensional zu betreten... vielleicht umrahmt mit einer Lesung, also dem gesprochenen Wort.

Und Lautréamont, der wartet in seinen Texten auf der Decke darauf, dass sich ein Komponist findet, der in seiner eigenen Art das zu vertonen weiß, was schon in den Stickereien eine völlig neue Seite zeigt.

Ich bin hingerissen, wie viel Vision sich mir hier auftut, wie sich die Künste gegenseitig stützen und bereichern und das eine aus dem anderen entsteht. Einfach nur so. Und es erinnert mich daran, dass es mir manchmal fehlt, mich dieser Art zu empfinden und sich auszudrücken hinzugeben. Im Moment stehen die Farben im Keller... vermutlich nehmen sie es mir eh schon übel, dass ich sie seit Jahren keines Blickes würdige... und die Leinwände auf dem Boden. Und nein... es ist nicht die Zeit, die mich hindert, es sind einfach andere Dinge, die meine Kraft binden und es gibt Momemte, da macht es mich traurig, dass ich hier sitze und auf den Tasten herumklappere, anstatt mir die Zeit zu nehmen, selbst mal wieder etwas entstehen zu lassen... einfach so aus mir heraus, weil Bilder das sind, was sicherlich auch Fotos könnten, würden wir sie nicht zu Tausenden in Wolken lagern und schon beim Gedanken daran, ein bestimmtes suchen zu wollen, Stress verursachen. Bilder haben einen Platz, sie drängen sich nicht auf, sind still ganz einfach da und begleiten das Leben... und... bei jedem habe ich den Moment vor Augen, in dem sie entstanden. Ich weiß, wie es sich angefühlt hat, wie es war, die dritte Farbschicht in eine unkenntliche Pampe verdorben zu haben, aus der dann am nächsten Tag mit etwas Abstand doch noch genau das wurde, was eben diese Pampe gebraucht hatte... die Traurigkeit, Melancholie oder Freude sind einfach schwupps wieder da, wenn ich sie ansehe...

Vielleicht liegt es daran, dass zwar auch Fotografieren ein Prozess ist, allerdings ein viel kürzerer, der gar nicht so viele Emotionen binden kann, wie Kunst, die viel vielschichtiger in ihrer Entstehung war. Noch heute ist in mir das Gefühl, nachts in der Straßenbahn zu sitzen, zufrieden mit nach Verdünnung riechenden Händen, die genau nach einer Woche dann endlich nicht mehr rabenschwarz waren, wenn der nächste Termin in der Tiefdruckwerkstatt anstand. Zu sehen, wie im Prozeß das zum Bild und greifbar wird, was man in sich fühlt, ist so intensiv, dass es sich einprägt.

Genau das finde ich in Heikes Werkstatt wieder, ihre Drucke erinnern mich an damals und lassen so ein ganz klein wenig Wehmut aufkommen... aber es ist ja nicht aus der Welt... denn wenn man will und nicht gerade Projektarbeit angesagt ist, kann man Heike anfragen, um bei ihr zu arbeiten. Kann man einen kleinen Blick erhaschen in die Welt des Tiefdruckes.

Nachdem ich die Decke fast weggestreichelt habe mit den Fingern (es fühlt sich wirklich unfassbar an... diese feinen Stickereien auf der weichen Wolle), bringt mich Heike zu den Skulpturen im Gartenhäuschen, die auf die nächste Runde warten. Heike ist immer wieder Arbeitsgast in der Heinrichshütte in Wurzbach, die der normale Besucher zum Schaugießen betritt. Immer wieder arbeitet sie selbst oder mit Gruppen dort. Ich selbst war vor 3 Jahren einmal mit dabei (wir haben auch darüber geschrieben hier auf dem Blog) und es sind wunderbare Bilder entstanden, die einen entführen in die Welt unserer Großväter... in traditionellem Eisenguss entsteht dort Kunst, die jetzt im Gartenhäuschen darauf wartet, versäubert und aufgestellt zu werden, um dann hoffentlich genau den richtigen Platz in einem Garten finden zu können. Hier die Bilder von damals... sie zeigen auch Arbeiten von Heike.

Als ich mich mit all den Bildern im Kopf auf den Heimweg mache, frage ich mich, ob auch nur irgendwer hier eine Ahnung hat, wie produktiv es hinter den Mauern des alten Pfarrhauses zugeht, welche Fülle und Überraschungen es dort zu finden gibt. Es gibt unfassbar viel Interessantes zu finden, im wirklich kleinsten Winkel Thüringens. Und ich bin irgendwie stolz darauf, das heute alles so nah erlebt zu haben. Und vielleicht ist der Weg in den Keller und auf den Boden ja doch demnächst mal wieder drin... und wenn es einfach nur dafür ist, wieder einmal einen Ankerpunkt in meinen Erinnerungen zu setzen, einen, der jedes Bild ist, das Umzüge, Meinungswechsel oder auch manchmal Platzmangel (oder das Verleihen, wenn jemand ein Bild für eine Zeit bei sich haben mochte... eines hängt noch bei meinen Eltern... und eigentlich kann es gut ihnen gehören, weil die Erinnerung, die mit ihm in Verbindung steht, ja hier geblieben ist:) überstanden hat.

Heike Stephan

seit 1985 bildende Künstlerin, freischaffend - Mitglied des VBK Th., BBK

1989 Idee und Organisation der Mauergalerie (East Side Galerie) in Berlin, 3 Jahre Dozentin an der Universität der Künste in Berlin
Ausstellungen bis 2021:  Suhl, Weimar, Dresden, Berlin, Malta, New York, Washington, Basel, Karlsbad, Bonn, Leipzig, Erfurt,
Schleiz, Pößneck...
Kunstbücher im Besitz der Bayrischen Staatsbibliothek München, Berliner Landesbibliothek, Deutsches Literaturarchiv in Marbach,
Edition Galerie auf Zeit, Berlin, Schloß Burgk Schleiz, Anna Amalia Bibliothek in Weimar,
Aktuelle Ausstellungen:
bis 15. 8. 2021 in der Galerie im Malzhaus, 24. 9. - 6. 11. 2021 Galerie im Bürgerhaus in Zella Mehlis,
ab 14. Oktober 2021 in der Galerie in Bad Langensalza,
Symposien
zum Erlernen der Druckkunst finden jährlich statt.
Anmeldungen nach Absprache.

Kontakt
heike.e.m.stephan@gmail.com
Tel. 03663 420549

 

 

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