nach dem Landleben

Es hat mich beschäftigt, verwirrt und belustigt, denn ich habe einmal quergelesen… geschaut, was die Außenwahrnehmung zum Thema so sagt.

Es ist vielfältig, aber unterm Strich mit einem Satz zu fassen… es ist nicht, was es ist und schon gar nicht das, was Landlust und Co. so zeigen, auch wenn ich die sobald ich sie in die Hände bekomme, sehr gern durchblättere… allerdings immer mit der Frage, Raum es bei mir zu Hause auf Teufel komm raus nicht so aussehen mag, wie dort gezeigt… meine Kuchen nicht aus dem Ofen kommen und neben nett drapierten auf shabby gemachten Leinentüchern landen, die Katze nicht dauernd faul auf schön exakt gestapelten Holzbergen in der Sonne chillt, sondern sich super dreckig am Küchenfenster  reibt und wenn man sie in dem Zustand nicht reinlassen will, den Fensterrahmen malträtiert, weil sie weiß, dass das hilft und in meinem Garten kein riesiges gesundes Landgemüse zwischen gerade frisch von meinem Mann direkt für mich gebauten Blumenkübeln wuchert und man verschlungenen Pfade zwischen Bienenweide und Kräuterschnecke ohne Erfolg sucht.

Stattdessen von den Hunden niedergewalzte Wiese, der Hof voller Holz, das noch gespalten werden muss, immer wieder Bauholz, weil ein altes Bauernhaus nie richtig fertig wird, die Sommerküche seit 2 Jahren nur in Planung, stattdessen Teile der Sommerküche für andere im Hof, die noch eingebaut werden müssen… Das mit der Bienenweide sind Wildkräutermischungen, die mehr oder weniger funktionieren… eher weniger, weil man dafür natürlich den speziell dafür gemachten Rasen haben müsste… aber wir lassen Wachsen, was wächst, auch wenn das nicht alle glücklich macht, die an unserem Haus vorbeilaufen…

Ich mag es wuchernd… das ist auch das, was für mich Landleben bedeutet… wuchernde, ursprüngliche Fülle, die ich mir allerdings erkämpfen muss. Die Stockrosen dümpelten 3 Jahre, bevor sie anfingen zu blühen… natürlich dann alle in der Farbe, die ich eigentlich nicht wollte… die Bauernrose brauchte 3 Jahre, bis sie sich wild wuchernd ans Haus schmiegte und nun tapfer ein halbes Jahr lang Blüten trägt… Von den Dingen im Haus ganz zu schweigen… es braucht seine Zeit.
Ikea könnte man, aber hat im Handumdrehen dieselbe Massenware im Haus und die ganze Landlust ist dahin… es braucht Geduld, das richtige Stück Möbel zur rechten Zeit, am besten mit Leben… allerdings ist es dann wenig mit pflegeleichten Oberflächen und Schüben, die raus und rein gleiten wie auf Butter… (Es sei denn, man hat das Glück, einen Mann mit Werkstatt zu haben, die dann zwar sein zweites Zuhause wird, aber Küchenschränke zur Folge hat, die aussehen, als wären sie in der Küche gewachsen und funktionieren wie Küche 2.0…. aber wie gesagt… Glück und Geduld. Und wenn man das dann hat, freut man sich ein Loch in den Bauch… jeden Tag wieder. Und es dauert bis zum nächsten Teil. Länger. Aber bis dahin kann man ja beim Ikea ein paar Bilderrahmen kaufen und  hinstellen?)

Das ist also so ein Ding mit dem Landleben… doch nicht ganz so, wie gezeigt, aber eigentlich viel schöner, wenn man es leben mag. Ich  erinnere mich an meinen ersten Tag auf dem Lande. Glücklicherweise mitten im August, es war also sonnig, grün und üppig… Kaffee im wild wuchernden Garten…alles so chaotisch wie die Umzugskisten überall… aber ich habe das Gefühl gehabt, endlich angekommen zu sein. Zwar mit Zuviel, aber das würde sich schon ausdünnen. (Darum kämpfe ich noch heute… es ist eigentlich das einzige, was ich vermisse…. weniger.)

Und es ist das, was Menschen aufs Land zieht, wie ich gelesen habe… das Weniger, fehlende Erreichbarkeit, Übersicht, keine Überfremdung, weniger Konsumzwang… Aber nur temporär, Heimat sei eh in die Tasche packbar und austauschbar… Vielleicht ist das ja aber ein Teil des Problems. man kommt nicht an, wenn man es sich selbst nicht gönnt, anzukommen. Auch auf dem Lande nicht und schon gar nicht in 1 Woche Urlaub, einer Woche fasten… einer Woche, in denen man beschließt, alles zu ändern, was spätestens auf der Rückfahrt beim Halt am ersten Mc Donalds Schnee von gestern ist…

Naja, die DriveIns gibt es mittlerweile ja auch dorfnah, aber keine 3 Bäcker, bei denen ich mir die jeweils bevorzugte Backware kaufe, das Kino spielt eben nur einen Film am Abend (aber es spielt noch… herrlich) und ich kann mich am nächsten Tag mit der Freundin darüber austauschen, weil die denselben gesehen hat…

Das mit der Landliebe ist eine der letzten Sehnsüchte in unserer übervollen Welt, eigentlich fast wie ein bisschen Utopia. Aber standhalten kann es als Konzept oftmals nur als Speckgürtel nahe der großen Städte, weil man da schön nah an allem ist, was Leben mittlerweile so ausmacht aber parallel Entspannung verspricht angesichts irrsinniger Mieten und fehlenden Raumes… Sobald es wirklich ländlich wird, keine alternativen Lebenskonzepte winken sondern einfach nur Land, wie es nun mal ist, wird es schwieriger.

Man muss es mögen, dass der eine oder andere Luxus ein wenig Aufwand macht… muss  es nicht (jedes luxuriöse Haus kann auch auf dem Lande stehen), aber wer das haben will, weshalb er Landlust verspürt, der sollte ihn in Kauf nehmen… ursprünglich geht nun mal nur, wenn man es auch lebt… nur wenn nicht jeder Raum Heizung hat, macht Omas dicke Decke Sinn, ein Frühstück im Grünen ist kein Brunch auf der Teakholzveranda direkt an der Küche und Landkuchen, den ich schnell beim Fleischer als Mitnahmeartikel in der Plastikbox einsammle (natürlich die kleinen Stücken wie bei Oma damals, vermutlich am Ende nur eineinhalb richtige Kuchenstücken groß… aber Sehnsucht macht ja vielleicht auch satt), ist noch lange nicht selber gerührt, gerochen, mit Ungeduld erwartet.

Scheinbaren Freiraum auf dem Land muss man sich gönnen… den hat nur der, der Dinge loslassen und schauen kann, was da kommt… Es braucht weniger Ansprüche, mehr Träume, mehr Geduld, Kreativität und Herzenswärme, will man auf dem Lande wirklich zufrieden mit dem eigenen Leben sein. Also eigentlich viel mehr, als man so oberflächlich betrachtet dem Dorfbewohner so zutrauen mag. Wenn ich mich umsehe, entstehen für entschleunigungswillige Besucher wirkliche Oasen und regelmäßig verlieren viele davon ihr Herz auf dem Lande. Nach dem Besuch wird das Abo der Landlust abgeschlossen (vergessend, dass der eigene Garten auf Balkonien ist und das Brotrezept im Steinbackofen wirklich schmecken würde… aber wer hat den noch) und die Stadtwohnung mit einer Landküche veredelt.

Was bleibt, ist wieder Sehnsucht… nach Freiraum, Sternenhimmel in der Nacht, an dem man wirklich Sterne sieht, weil keine Straßenbeleuchtung alles viel zu hell macht, nach dieser absoluten Ruhe ohne ständiges unterbewusst wahrgenommenes Geräuschkonzert, nach einer großen Küche, in der noch alle zusammenkommen, um den Kuchen frisch aus dem Ofen zu genießen und einem Hund, der unterm Tisch hockt und die Krümel aufschleckt… ein bisschen davon wäre möglich, auch anderswo, vermutlich. Mit ein paar Abstrichen hier und da, ein wenig Zeit, die man hätte, wenn man nicht immer dabei oder in sein wollen würde und so weiter… und wenn man nicht glauben würde, man könne sich das Landleben einfach so erkaufen.

Ich habe skurriles gefunden auf meiner Suche nach dem, was Landleben so sehr zum Sehnsuchtsort macht:  das gibt es findige Startups, die klug genug sind zu wissen, dass Landleben für Städter Grenzen hat… Da wird man IP-Gärtner….ja, genauso, wie es das Wort vermuten lässt… Gärtner im Internet. Vermutlich ist es ernst gemeint, was da geschrieben steht und macht verständlich, weshalb eine reale Woche auf dem Land mit Tieren, Selbstgeerntetem, etwas weniger Komfort, viel frischer Luft und sozialen Kontakten mittlerweile oftmals bereits lange vor der Saison ausgebucht ist:

(es folgt ein Zitat entnommen der Website www.ipgarten.de):
Selbst gärtnern & volle Kontrolle
Familie Lustig hatte sich einen bunt gemischten Gemüsegarten ganz alleine zusammengestellt, und es hatte sich in jeder Hinsicht gelohnt! Der Gemüseertrag aus ihrer eigenen IPGarten-Parzelle „Lieblingsgarten“ war größer als ihre Investition, und sie hatten zudem viel Freude beim Online-Gärtnern. Gerne beschäftigten sie sich 3x pro Woche für jeweils 5 Minuten mit dem Hegen & Pflegen ihres Gartens. Sie bezahlten für ein Jahr monatlich 33,25 Euro + Zusatzleistungen von insgesamt ca. 38 Euro.
Durch die zusätzlichen gärtnerischen Dienstleistungen, konnten sie den Ertrag ihrer Parzelle steigern. Außerdem gewannen sie umfangreiches Gärtnerwissen.

(Gibts als App. Was sonst. Damit auch nix verkommt, wenn ihr nach Schweden fahrt, um in 5 Tagen geführter Tour Survival zu machen.)

Hm… na dann… raus mit euch für 5 Minuten… es bleiben euch nur noch 2 weitere Male mit je 5 Minuten für perfektes Landlustfeeling. Da hat ja mal jemand Humor gehabt und das getan, was sich so wunderbar verkaufen lässt… ein gutes Gewissen und ein wenig gestillte Sehnsucht mit genug Luft für weitere Apps, die die nächste Sehnsucht stillen.

Was bleibt, ist Sehnsucht.
Und wer es wirklich durchzieht, den erwartet Glück. Und Dinge, die das Leben weniger an einem vorbeirauschen lassen, weil sie langsamer sind, intensiver, mit etwas mehr Mühe erarbeitet und auf das beschränkt, was einem wirklich wichtig ist. Nicht so hochglänzend, aber echt schön unvollkommen.
(Natürlich ist klar, dass das ganze noch vielschichtiger ist… aber irgendwo müssen die Gedanken ja beginnen.)

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